Der Weg aus der Krise

Psychosoziale Betreuung für Menschen mit HIV und Aids wird 15 Jahre alt.

Wenn Menschen mit HIV oder Aids nicht mehr wissen, wie es weitergeht, gibt es eine gute Adresse: die Psychosoziale Betreuung von Hamburg Leuchtfeuer. Zwei Menschen, denen sie hilft, haben davon erzählt.

Seit sie weiß, dass sie HIV-infiziert ist, hat Irene Stern* ein zweites Leben begonnen eins, das sie heute ziemlich gut findet. 20 Jahre lang war sie drogenabhängig und arbeitete als Prostituierte. Ohne Wohnung, ständig hinter Geld für Drogen her. Das war ihr Leben. Bis es nur noch an einem Faden hing: Blutvergiftung. Sie bekam eine neue Herzklappe und lag dreieinhalb Monate im Krankenhaus. Irgendwann sagten ihr die Ärzte nebenbei: »Dass Sie HIV haben, wissen Sie ja«. Sie wusste es nicht. Acht Jahre ist das her.

Auch Klaus-Peter Jürgens* erfuhr im Krankenhaus von seiner Infektion vor zwanzig Jahren. Er lag dort wegen einer Hirnhautentzündung. Ein Freund kam zu Besuch, sah die Krankenakte am Bett baumeln und fragte: »Weißt du, was da steht? HIV.« Jürgens war schockiert.

Nach der Diagnose beschließt Irene von einem Tag zum anderen: Nie wieder Drogen. Sie lässt sich entgiften, zieht in eine eigene Wohnung und ist dort allein mit ihren Ängsten. Klaus-Peter macht einfach weiter. Schließlich hat er einen Obst- und Gemüseladen und von einer früheren Pleite jede Menge Schulden am Hals. »Ich bin ein Meister der Verdrängung«, sagt er.

Bis es nicht mehr weiterging

Anfangs weiß Irene nicht, wie sie ihr neues Leben in den Griff bekommen soll. Arbeiten kann sie nicht mehr. Leute, die sie kennt, nehmen Abstand, sobald sie hören, dass sie HIV hat. Eine Freundin ist ihr geblieben. Sie lernt einen Mann kennen, mit dem sie nicht glücklich ist. Auch in ihrer Wohnung fühlt sie sich nicht zuhause. »Ich habe nur vor mich hingelebt«, sagt sie. Um den Ausbruch von Aids zu verhindern, nimmt Irene Medikamente. An die körperlichen Nebenwirkungen gewöhnt sie sich, an ihre Albträume und ihre »irren Gedanken« über HIV nicht. Sie beschließt, dass sie Hilfe braucht, und geht zu Hamburg Leuchtfeuer.

Klaus-Peter zwingen die Medikamente, sein Geschäft aufzugeben. Ein paar Jahre kann er es noch halten, dann sind seine Hüftgelenke kaputt eine Nebenwirkung der Medikamente. Im Abstand von zwei Jahren werden ihm zwei neue Hüften implantiert. Nach der zweiten Operation gibt er den Laden auf. Jahrelang jobbt er hier und da. Schließlich eröffnet er wieder einen Laden, obwohl ihm die Kraft dafür längst fehlt.

Wieder muss er aufgeben. »Dann bin ich abgestürzt«, sagt er. Er verkriecht sich, bis seine Schwester schließlich seine Haustür öffnen lässt. »Da war ich schon ein halber Messi«, sagt Klaus-Peter. Eine Schwerpunktpraxis Aids stellt ihn mit Medikamenten ein und empfiehlt ihm Hamburg Leuchtfeuer.

Die Betreuenden geben Rückhalt

»Ohne die Psychosoziale Betreuung wäre ich nicht mehr am Leben«, sagt Klaus-Peter heute. Damals ist er kurz davor, sich vom Balkon zu stürzen. Sein Betreuer Jochen Henkel lässt nicht locker. Er ruft an, kommt vorbei, steckt seine Karte unter der Tür durch, wenn sein Klient nicht aufmacht. »Irgendwann kam wohl das Gefühl, da ist wer, der sich um mich kümmert «, sagt Klaus-Peter. Er nimmt die Hilfe an.

Irene ist inzwischen umgezogen. Sie lebt in einer Einzimmerwohnung mit Kochecke und Kater. An der Wand hängen Bilder ihres Sohnes. Er ist bei ihren Eltern aufgewachsen. Dreizehn Jahre lang hatte sie ihn gar nicht gesehen. Jetzt sieht sie ihn oft. »Das ist toll«, sagt sie. Auch zu ihren Eltern hat sie seit kurzem wieder Kontakt. Sie genießt es, selbst zu bestimmen, wann sie Nachbarn oder Bekannte trifft und wann sie die Tür hinter sich zumacht. »Das ist mir wichtig«, sagt sie. So ein Leben hat sie erst jetzt kennengelernt.

Dabei hat ihre Betreuerin Nicola Le Mouillour sie unterstützt. Sie treffen sich seit zweieinhalb Jahren. »Wir reden über alles«, sagt Irene. Nicola bestärkt sie, ihrem Gespür zu vertrauen, was sich gut und richtig anfühlt in ihrem Leben. Irene hat sich von ihrem Freund getrennt. »Nur weil ich HIV habe, muss ich nicht alles hinnehmen«, sagt sie heute. Das hat sie von ihrer Betreuerin gelernt. Regelmäßig geht sie zum Frühstück der Psychosozialen Betreuung. Und dann hat sie mit Nicola ihre Papiere sortiert und kürzlich Insolvenz beantragt. »Alleine hätte ich das nicht gemacht«, sagt Irene.

Klaus-Peter hat seine Schulden bis heute nicht angepackt. »Ich kann einfach nicht«, sagt er. Noch liegen die alten Unterlagen in Plastiktüten in seinem Bettkasten. Aber er hat mit Jochens Hilfe die Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt und bekommen. Freunde hat Klaus-Peter kaum. »Das fängt jetzt erst an«, sagt er. »Früher habe ich ja nur gearbeitet.« Erst durch Leuchtfeuer sei das in Gang gekommen. Heute besuchen er und seine Schwester sich regelmäßig und im Haus, in dem er lebt, pflegt er vorsichtig Kontakte. Zu viel Nähe mag er nicht. Mal besucht er eine Fernsehshow, mal fährt er an die Elbe, mal in die Stadt. Mitunter bereiten ihm die Medikamente schwere Durchfälle und er merkt, dass die Fingergelenke und der Rücken schmerzen. Trotzdem sagt er: »Eigentlich bin ich zufrieden.« Die Altlast in seinem Bettkasten wird er auch angehen.

*Namen von der Redaktion geändert

Ein starkes Team

Die acht Betreuerinnen und Betreuer arbeiten schon lange zusammen. Sie mögen es, immer neue Menschen und neue Geschichten kennenzulernen

Es gibt Momente, in denen Steffi Severs spürt: Die Menschen kehren ins Leben zurück. Zum Beispiel, wenn sie mit Rucksäcken voller verschlossener Briefe zu ihr in die Beratung kommen. Sie öffnen Brief für Brief, schnappen bei jeder Rechnung und Mahnung nach Luft und sind trotzdem erleichtert. Sie gehen ihre Schulden an. »Auch Verdrängung kostet Kraft«, sagt Steffi Severs. »Es ist befreiend, die Altlasten abzuarbeiten.« Schritt für Schritt.

Bei der Psychosozialen Betreuung melden sich Menschen mit HIV und Aids, die ihr Leben nicht mehr alleine bewältigen können. Manche sind völlig orientierungslos angesichts der Diagnose HIV, andere leiden so stark an Nebenwirkungen der Medikamente, dass sie nicht mehr arbeiten können. Viele sind isoliert und trauen sich kaum etwas zu. Sie haben Angst vor Ämtern, Angst, die Wohnung zu verlieren, Angst zu sterben.

Das achtköpfige Team aus Sozialpädagoginnen und -pädagogen hilft den Ratsuchenden, wieder eine Perspektive zu entwickeln. »Es geht darum, sich der Situation zu stellen und die völlige Ohnmachtzu überwinden«, sagt Jochen Henkel. Dafür müssen sich die Klientinnen und Klienten eigene Ziele setzen und ihren Antrag beim Gesundheitsamt vertreten. Bewilligt werden anfangs normalerweise vier bis acht Stunden pro Woche für mindestens ein halbes Jahr. Im Schnitt begleitet ein Betreuer seine Klienten 65 Tage lang.

Es braucht Zeit, bis sich eine Beziehung zwischen Klienten und Betreuenden entwickelt. »Das Thema HIV und Aids ist besetzt mit Schuld, auch weil es eine sexuelle Komponente hat«, sagt Silke Germann, Leiterin der Psychosozialen Betreuung von Hamburg Leuchtfeuer. Betroffene schämen sich häufig, darüber zu sprechen. Wenn sie es tun, riskieren sie Ausgrenzung.

In vielen Gesprächen tasten sich die Klienten an eine Perspektive heran. Die Betreuer vermitteln sie an Ärzte, die sich mit der Behandlung von HIV-Infizierten gut auskennen. Sie helfen ihnen, finanzielle Unterstützung zu beantragen. Sie ermutigen sie, wieder auf Menschen zuzugehen. Sie laden alle Betreuten ein zum gemeinsamen Frühstück oder zu Aus flügen, zum Besuch von Straßenfesten und knüpfen so ein soziales Netz. Und sie helfen ihnen dabei, eine passende Wohnung zu finden.

Mitunter ist die Arbeit belastend. Dann findet jede und jeder Rückhalt im Team. Alle arbeiten schon lange für Hamburg Leuchtfeuer, einige sogar von Anfang an weil das Team gut ist, weil alle ihre Arbeit selbst einteilen können und weil sie ihre Klienten mögen. »Man lernt immer neue Menschen und neue Geschichten kennen«, sagt Tina Mickow. Und Nicola Le Mouillour fügt hinzu: »Es sind tolle Menschen, von denen ich viel lerne. Ich hätte mich nie so entwickelt, ohne diese Leute.«

Gerlinde Geffers