Im Kuschelhaus wächst Anne über sich hinaus

Das Kuschelhaus ist für Anne Keikott ein Glücksfall. Als Zweijährige kam sie in die integrative Kita des Kinderförderwerks Magdeburg. Viele Krankenhausaufenthalte und Operationen lagen damals hinter ihr. In der Kita hat sie sich in ein Mädchen verwandelt, das gerne singt, spielt, turnt und lacht.

Manchmal schneit Anne noch bei den Käfern hinein. In dieser Kita-Gruppe war sie bis zum Sommer. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen. Schwups, schon ist sie zur Puppenküche auf die Empore geklettert, öffnet die Schränke, kramt ein Eis und eine Banane aus Stoff hervor und reicht sie ihrer Mama. Mitten im Raum schaukelt ein blinder Junge bäuchlings in einem Tuch, dass von der Decke herunterhängt. Die Erzieherin kommt herein und stupst ihn an. Selbstvergessen wiegt und dreht er sich weiter. Anne ist der Anblick vertraut. Sie entdeckt den kugeligen Sitz, den man wie ein Zelt verschließen kann, krabbelt hinein, zieht den Vorhang hoch und lacht. Hoch, runter, hoch runter. Sie kichert und gluckst.

Erst scheu, dann eine mutige Zirkusdirektorin

Anne deckt die Puppen in ihrem Bettchen zu und blickt auf den Zirkuseingang aus Pappe, der an der Wand hängt. Zirkus Käfer. Er erinnert sie an das vergangene Sommerfest, an den Abschied von den Käfern und an ihren großen Auftritt. Am Anfang der Proben sei sie steif wie ein Stock gewesen, erzählt die Erzieherin. Am Ende hatte sie sich zur Zirkusdirektorin gemausert, die die ganze Zirkusshow moderierte und mutig rief: Hereinspaziert, hereinspaziert, sehr verehrtes Publikum. Ach, Anne, sagt die Erzieherin ein wenig wehmütig, jetzt kommst Du bald in die Schule. Sie hat sie als Kleinkind erlebt, das nach Luft rang und erlebt, wie sie sich zu einem Mädchen entwickelt hat, das immer noch gerne alleine spielt, am liebsten im Chor singt und lesen kann. Wie die neue Schule heißt, weiß Anne schon, eine Schultasche hat ihr die Mama gekauft und in der Vorschule, bei den Maulwürfen, hat sie wie alle ein Geheimfach, in dem sie ihr persönliches Federmäppchen voller Buntstifte aufbewahrt. Sie üben ein bisschen Schule.

Anne Keikott ist am Valentinstag sechs Jahre alt geworden. Sie ist ein schüchternes Mädchen, das nicht gleich losplappert, aber sich freut, wenn man staunt, wie schlau sie ist. Am 6. September ist ihr erster Schultag. Das hat sie sich gemerkt. Ob sie das Kuschelhaus zeigen würde? Ja. Erst in die Maske, sagt die Mama augenzwinkernd. Nach Stunden in der Kita sind Annes Haare zerzaust und das Haarband sitzt ein bisschen schief. Beim Kämmen muss die Mama behutsam sein. Annes linker Kiefer ist fehlgebildet und das Ohr hat sich kaum entwickelt. So ist in das kunterbunte Haarband ist ein Hörgerät eingebaut und die Brille ist mit einem Band am Pferdeschwanz befestigt.

Anne traut sich immer mehr

Frisch frisiert fischt Anne in der Leseecke ein Ritterbuch aus dem Regal. Sie liebt Ritter- und Pferdebücher. Malecke, Musikecke, Bastelecke. Jetzt aber in den Toberaum zum hölzernen Klettergerüst. Flugs erklimmt Anne die Sprossen, greift ein Tau mit mehreren Knoten, holt Schwung und schlingt die Beine um das Tau. Weg da, ruft sie, ehe sie losfliegt. Laufen, Klettern, Trampolin hüpfen - Anne genießt die Bewegung und traut sich etwas zu. Dass sie dabei vorsichtiger und langsamer ist als andere Kinder, finden alle normal. In der Kita fahren auch Rollstuhlfahrer mit zum Reiten und gucken endlich mal von oben auf die anderen herunter, erzählt die Mama. Sport macht Anne in der Gruppe, ihre Feinmotorik übt sie in der Frühförderung.

Als Anne durch ihre Kita führt, hat sie einen Plan. Den braucht es auch, um sich in den zwei Gebäuden mit neun Gruppenräumen, lichtdurchfluteten Verbindungsgängen und Neubau mit Turnhalle nicht zu verlieren. Es ist fast ruhig. Kaum zu glauben, dass hier bis zu 170 Kinder spielend lernen und sich bilden. Anne steuert vorbei an der großen Küche, in der jeden Tag frisch gekocht wird, zeigt kurz die Kinderküche, in der sie schon Waffeln gebacken hat, öffnet die Gittertür an der Kellertreppe und stemmt mit aller Kraft drei Kellertüren nacheinander auf, bis sie den quietschgelb gestrichenen Flur erreicht hat und die Attraktionen des Kuschelhauses präsentieren kann.

Im Werkraum erzählt Anne, dass sie schon ein Wackeltier gebaut hat, erst gesägt, dann gebohrt und schließlich zackeligbunt angemalt. Einmal pro Woche geht sie mit ihrer Gruppe in die Sauna. Das ist so schön warm, erzählt sie. Hinterher duscht sie, na ja, lauwarm. Die Erzieherinnen sind dann ganz vorsichtig, denn Anne trägt ein Tracheastoma. Ihre Luftröhre ist am Hals offen, damit sie besser atmen kann. Anne schnappt sich ein Buch und macht es sich auf der Liege bequem, so wie sie es in einem Bademantel gekuschelt gerne nach der Sauna macht. Die Sensation ist das Bällebad. Da erzählt Anne gar nichts, sondern stürzt sich hinein und versinkt in einem Meer von bunten Bällen. Was für andere Kinder der Whirlpool, ist für sie, die nicht ins Wasser tauchen darf, das Bällebad.

Angst vor dem Notarzt

Wieder angekommen bei den Maulwürfen, setzt sich Anne bei der Mama auf den Schoß und drückt ihren Hasen Willi an die Wange. Er hat sie schon als Kleinkind im Krankenhaus getröstet. Ohne ihn hätte sie auch in der Kita nicht schlafen können. Sie sei ein anhängliches Kind, das nie sage, wenn ihm etwas wehtut, sagt die Mama über Anne. Zu groß sei die Angst, dass ein Notarzt kommt. Wie sie sich zum Schulkind gemausert hat, haben die Erzieher und Heilpädagogen aufgeschrieben und mit vielen Bildern dokumentiert. Und zum Abschied aus der Käfergruppe haben sie in ein Heft geschrieben: "Unsere kleine tapfere Anne ist ein Kindergartenkind geworden".

Gerlinde Geffers