Bangemachen gilt nicht

Angst vor fremden Menschen, Angst vor Dunkelheit oder Monstern unterm Bett, Angst vor Tieren oder vor schlechten Noten - das sind ganz normale Kinderängste. Doch manche Kinder werden krank vor Angst.

Ausgerechnet wenn Nina schlafen sollte, kroch da die Gestalt am Fenster hoch, guckte sie mit großen Augen an und grinste fies. Da hat sie vorsichtshalber das Licht angemacht und oft auch nach ihrer Mutter gerufen. Die war davon nicht immer begeistert. Bei ihrer Freundin Mareike lauerten im Dunkeln plötzlich Wölfe unterm Hochbett. Sie drohten ihr Füße und Hände abzubeißen. Um sich zu schützen, versteckte sie sich fast vollständig unter der Bettdecke.

Monster, Hexen, Krokodile im Kinderzimmer sind ganz normal. Sie lieben die Dunkelheit und tauchen auf, wenn Kinder etwa zwei bis vier Jahre alt sind. Tagsüber erobern die Kleinkinder die Welt, besuchen stolz den Kindergarten, üben sich darin, ihren Willen gegen die Eltern durchzusetzen. Gleichzeitig sind sie zum ersten Mal in der Lage, innere Vorstellungsbilder zu entwickeln. Nur wissen sie noch nicht so recht, was real und was irreal ist. So glauben sie wirklich, dass ein Gespenst aus den Vorhängen flattert, ein Krokodil unter dem Bett lauern oder eine Hexe hinterm Schrank hervorkriecht.

Jede Entwicklungsphase hat ihre Angst

Angst gehört zum Kinderleben. Schon das Neugeborene hat Angst, die Zuwendung und körperliche Wärme der Mutter zu verlieren. Auch laute Geräusche, schnelle Bewegungen oder plötzliches grelles Licht erschrecken die Säuglinge. Gegen solche Angst hilft nur eins: Wärme und Trost geben, bis sich das Kind beruhigt hat. Es kann sich noch nicht selbst helfen.

Sobald ein Baby Gesichter erkennen und unterscheiden kann, taucht eine neue Angst auf: die Angst vor fremden Menschen, auch Fremdeln genannt. Statt der Nachbarin weiterhin freundlich zuzulächeln, wendet sich das Kind plötzlich ab und versteckt den Kopf bei der Mama. Will der Opa das Baby auf den Arm nehmen, nachdem er es ein paar Wochen nicht gesehen hat, dann beginnt der Liebling zu schreien. Das ist ein gutes Zeichen. Das Kind unterscheidet jetzt zwischen vertrauten und fremden Menschen und misstraut den Fremden. Wenn es sich wegdreht oder die Augen schließt, lässt es die bedrohlichen Gestalten einfach verschwinden. Mit Hilfe der vertrauten Eltern prüft es vorsichtig, ob die fremden Menschen in Ordnung sind und nähert sich dann in seinem Tempo an. Auf keinen Fall sollten die Eltern es zu Artigkeiten gegenüber Fremden nötigen. Das Vertrauen wächst langsam.

Welteroberer brauchen Rückhalt

Kann ein Kind erst einmal laufen, dann stiefelt es wie Hänschen-Klein in die Welt hinein. Der einzige Haken an den Erkundungstouren ist, dass die Eltern dabei manchmal aus dem Blick geraten. Das Kind erschrickt und läuft schnell zurück. Im Wechselspiel zwischen mutig loslaufen und sich wieder bei den Eltern in Sicherheit bringen, bewältigen die Kleinkinder ihre Trennungsangst und erweitern ihre Spielräume. Sie spielen allein, weil sie wissen, dass die Erwachsenen nicht weit sind. Sie trösten sich mit einem Kuscheltier, wenn die Mama geht und der Babysitter kommt. Sie lassen sich immer wieder bestätigen, dass die Eltern wiederkommen, und überbrücken so die Zeit der Trennung. Sie lernen, anderen Bezugspersonen zu vertrauen. Sie schließen Freundschaften und verlieren sich im Spiel mit anderen Kindern.

So gewöhnen sich Kinder an vorübergehende Trennungen. Das hilft ihnen, sich mit dem Kindergarten anzufreunden - manchmal schneller als der Mutter lieb ist. Denn Trennungsängste befallen nicht nur Kinder. Manch ein anhängliches Kind will der Mutter den Trennungsschmerz ersparen. Das aber ist nicht sein Job. Vielmehr sollten Eltern ihren Kindern mit Ritualen, Ermutigung und Klarheit helfen, sich von ihnen zu trennen. "Trennungserlebnisse sind eine Voraussetzung dafür, dass sich ein Kind gut in der Welt zurecht findet", schreibt die Psychologin Gertraud Finger in ihrem Buch "Brauchen Kinder Ängste?". Nun so könne es neue Bindungen eingehen und von anderen Menschen lernen.

Trost und Ermutigung helfen

Lasse hat geschafft. Jahrelang war er ein sehr ängstliches Kind. Schon im Kindergarten mochte er seine Mutter nicht gehen lassen. Er hat lange gebraucht, bis er sich alleine zur Schule getraut hat. Dunkelheit machte ihm extrem zu schaffen. Den kurzen Weg vom Fußballtraining mochte er nicht alleine im Dunkeln gehen. Und ohne Eltern zuhause zu bleiben, war für ihn die Hölle - obwohl seine ältere Schwester im Nachbarzimmer schlief. Er versuchte, tapfer zu sein, wenn sie weggingen, erzählt Britta, seine Mutter: "Er wollte uns ja den Abend nicht verderben." Trotzdem kam manchmal nach einer halben Stunde der erste Anruf: "Ich habe Bauchweh." Da nützten beruhigende Worte und gute Ratschläge wenig. Eine Stunde später klingelte das Telefon erneut: "Ich kann immer noch nicht schlafen." Oft genug stand er wartend am Fenster, wenn seine Eltern wiederkamen.

"Er tat uns echt leid", sagt Lasses Mutter Britta. Für kurze Zeit haben sie und ihr Mann sogar erwogen, fachlichen Rat zu holen. Doch sie fürchteten, das Kind noch zusätzlich zu verunsichern. Stattdessen setzten sie auf Zuwendung und Nestwärme und vertrauten darauf, dass ihr Sohn die Angst selbst bewältigt. "Wir haben ihn einfach ernst genommen und nie gesagt, jetzt reiß Dich mal zusammen", erzählt die Mutter. Manchmal habe er sich selbst gefragt, warum er nicht so cool wie die anderen sein könne. Seine Eltern ermutigten ihn, sich nicht verunsichern zu lassen, lobten seinen Mut, die Angst zuzugeben und behandelten sie als etwas ganz Normales. Als Lasse neun war, wurde es besser. "Er wollte keine Angst mehr haben", sagt Britta. Er hielt sie aus. Er ließ seine Eltern ohne zu murren ausgehen. Er traute sich, allein vom Sportplatz zu kommen. Er fing an, auch längere Strecken alleine mit dem Fahrrad zu fahren. Sein Selbstbewusstsein wuchs. Jetzt ist er elf und besteht darauf: "Ich mache das alleine".

Angstbewältigung macht stark´

Kinder finden oft selbst erstaunliche Wege, ihre Angst zu bewältigen. So berichtet der Familienberater Jan-Uwe Rogge von einem Jungen, der das Krokodil unter seinem Bett mit Smarties besänftigen wollte. Merkwürdigerweise waren sie am anderen Morgen immer noch da. Als es auch Schokolade verschmähte, schloss der Knirps daraus, dass gar kein Krododil da war. Manche Kinder schaffen es, ihre Ängste wegzuzaubern oder sie wenden magische Praktiken an, um böse Gestalten fern zu halten. Manche verarbeiten sie im Spiel, manche malen Bilder. Manche Kinder wollen immer wieder die gleiche gruselige Geschichte hören. Schön angekuschelt bei Papa oder Mama durchleben sie auf diese Weise die Angst so lange, bis sich besiegt ist und die Geschichte ad acta gelegt wird. Andere Kinder haben von einem Tag auf den anderen einen unsichtbaren Begleiter an ihrer Seite. Diese Phantasiefiguren sind äußerst hilfreich. Ein Kind kann ihnen alles erzählen, sie tun, was das Kind nicht darf oder sich nicht traut, sie schützen vorm Alleinsein. Ist die Angst erst überwunden, verschwinden sie sang- und klanglos.

Auch Nina und Mareike haben ihre Strategien gefunden. Als plötzlich Zombies aus allem krochen, was herumlag, erfand Nina gemeinsam mit der Oma einen Trick: Einfach an etwas Schönes denken. "Ich habe mir einfach vorgestellt, ich spiele auf einer Wiese", erzählt die Zwölfjährige. Und tatsächlich ging der Zombiespuk damit weg. Verlockend fand es Nina, als ihre Mutter eine Überraschung versprach, wenn sie alleine einschläft. "Da war ich doch stolz, dass ich das geschafft habe", erzählt sie. Die Überraschung war ein König der Löwen Computerspiel. Die Hülle hat sie noch heute. Auch Mareike hat ein wirksames Mittel gegen Wölfe und gruselige Gestalten gefunden: Musik. "Es gab eine Zeit, da habe ich mich immer selber in den Schlaf gesungen", erzählt sie. Auch heute noch hört die Zwölfjährige Musik zum Einschlafen und singt die Melodie im Kopf. Das beruhigt sie.

Vorsicht Elternfalle!

Eltern können die Angstbewältigung unterstützen. Zuhören, trösten, ermutigen, aber nicht schonen - das hilft Kindern am meisten. Ist die Angst akut, dann beruhigt körperliche Nähe und Zärtlichkeit das Kind. Ist es ruhiger geworden, mag es vielleicht von seinen Ängsten erzählen und gemeinsam mit den Eltern überlegen, wie es die Angst vertreiben kann. Eins sollten die Eltern auf keinen Fall tun: Die Angst herunterspielen oder lächerlich machen. Für das Kind sie real, auch wenn Erwachsene sie für irrational halten.

Schwierig wird es, wenn die Eltern selbst mit Ängsten kämpfen. Kinder spüren das. Zuckt die Mutter bei Blitz und Donner angstvoll zusammen, kann ihr Kind die Angst vor Gewitter schlecht überwinden. Wollen Eltern ihr Kind vor jeder Gefahr schützen, dann verlernt es, mutig auf Neues zuzusteuern. "Ein Kind, das zu viel Fürsorge bekommt, hat eine geringe Überzeugung, selber schwierige Situationen bewältigen zu können", erklärt die Kinderpsychologin Prof. Silvia Schneider. Ihr Ziel ist es, die sogenannte "Selbstwirksamkeitsüberzeugung" der Kinder zu stärken.

"Meine Mutter war überängstlich", sagt Lasses Mutter Britta. Sie selbst hätte das zwar schon durchschaut, bevor ihre Kinder kamen. Trotzdem sagt sie: "Du hast dein Leben lang zu tun, um das abzuschütteln." Mag sein, dass auch sie Mühe hatte, ihre Kinder loszulassen. So etwas merken Kinder. Es hilft Kinder wenig, wenn ihre Eltern sie zu sehr behüten und ihnen möglichst alle Ängste abnehmen wollen. Sie machen es dem Kind nur schwerer, die Angst zu bewältigen. Wichtig ist, dass das Kind der Angst nicht einfach aus dem Wege geht, sondern sich mit ihr auseinandersetzt. Eltern sollten es ermutigen, sich etwas zu trauen. So hat es die Chance zu erleben, dass die Angst weniger wird und vorübergeht.

Krank vor Angst

Ob Spinnenphobie oder Panikattacke, soziale Phobie oder generalisierte Angststörung - Angststörungen treten auch bei Kindern und Jugendlichen auf. Sie sind sogar die häufigste psychische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen, etwa fünf bis zehn Prozent von ihnen benötigen Behandlung. Ähnlich wie die normalen entwicklungsbedingten Ängste verändern sich auch die Angsterkrankungen mit der Entwicklung des Kindes. Bis zum Alter von elf ist Trennungsangst mit Abstand am häufigsten. Die Kinder weinen, schreien, schlagen oder klammern sich an die Eltern, wenn die Eltern weggehen wollen, oft haben sie Bauchweh oder Kopfschmerzen, wenn die Trennung naht. Es folgen spezielle Phobien wie etwa vor Gewitter oder Dunkelheit, auf die das Kind mit heftiger Angst wie zum Beispiel Herzklopfen, Bauchweh oder Zittern reagiert. Seltener sind übermäßige Sorgen oder krankhafte Schüchternheit. Panikstörungen treten bei Kindern so gut wie gar nicht auf.

Angst wächst sich nicht aus

Früher hieß es von starken Kinderängsten, dass sie sich auswachsen. Weit gefehlt. Es stimmt, dass die Trennungsangst etwa mit der Pubertät verschwindet. Doch sie scheint den Boden zu bereiten für eine spätere Panikstörung. Silvia Schneider weist auf eine repräsentative Untersuchung von 1000 Erwachsenen hin. Diejenigen, die als Kind unter Trennungsangst gelitten hatten, entwickelten später rund 50mal häufiger eine Panikstörung als Menschen ohne Trennungsangst. 80 Prozent von ihnen litt als Erwachsene unter psychischen Auffälligkeiten, die meisten an einer Panikstörung, aber auch an generalisierter Angst oder Abhängigkeitserkrankungen.

Interview: "Ängste werden eher toleriert"

Professor Silvia Schneider ist Leiterin der Abteilung für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Basel

ÖKO-TEST: Kinderängste sind normal. Wann müssen sich Eltern Sorgen machen?
Schneider: Auf jeden Fall, wenn die Ängste das Kind im Alltag und in seiner Entwicklung beeinträchtigen. Wenn das Kind zum Beispiel dauerhaft vermeidet, auf einen Kindergeburtstag zu gehen oder sich in der Schule zu melden - aus Angst ausgelacht zu werden.

ÖKO-TEST: Früher hat man gesagt, das wächst sich raus. Sind Eltern bereit, für ihre Kinder Hilfe zu suchen?
Schneider: Wir stellen fest, dass Ängste viel eher toleriert werden als etwa Aufmerksamkeitsstörungen. Die Eltern denken, dass ist eben ein schüchternes Kind. Sie sehen nicht, dass eine Behandlung für ihr Kind sinnvoll sein könnte. Wichtig ist jedoch gut abzuwägen, ab wann eine psychologische Behandlung sinnvoll ist. Es gibt Phasen, in denen Kinder Schwierigkeiten haben und ängstlicher sind. Den meisten Kindern gelingt es, diese mit den eigenen Ressourcen und mit Hilfe der Familie zu bewältigen. Ich möchte daher auf keinen Fall Kinder zu früh pathologisieren und sofort Psychotherapie verordnen. Andererseits wissen wir auch, dass die Ängste des Kindes der Risikofaktor für Angst, Depression und Abhängigkeitserkrankungen im Erwachsenenalter sind.

ÖKO-TEST: Wünschen sich denn die Kinder fachliche Hilfe?

Schneider: Das ist alterabhängig. Wir behandeln Kinder ab fünf Jahren, die mit sehr starken Trennungsängsten kommen. Sie leiden nicht darunter, wenn sie sich nicht von ihrer Mutter trennen können. Aber die Mutter und die Bezugspersonen, die leiden darunter, weil sie merken, dass das Kind nicht die Entwicklungsschritte tun kann, die andere Kinder in dem Alter tun. Diesen Kindern erklären auf kindgerechte Art wir zum Beispiel, dass sie stark werden, wenn sie lernen ihre Angst zu bewältigen. So schaffen wir es, eine Motivation aufzubauen, damit sie selbst lernen möchten, in den Kindergarten oder die Schule zu gehen. Ältere Kinder stehen da eher unter Druck. Sie wollen wie die anderen sein und die Dinge tun, die andere in ihrem Alter tun.

ÖKO-TEST: Wie entstehen die Angststörungen bei Kindern?
Schneider: Aus zahlreichen Studien weiß man heute, dass etwa 40 Prozent der Ursachen genetisch bedingt ist. Mich interessieren in meiner Forschung vor allem die nichtgenetischen Familienfaktoren. Da spielen Lernmechanismen eine wichtige Rolle. Das Kind lernt am Modell, aber auch daran, wie viel Aufmerksamkeit es für ängstliches Verhalten bekommt und wie viel für angstbewältigendes Verhalten. Wir achten in der Therapie sehr stark darauf, dass die Eltern bewältigendes Verhalten wahrnehmen und es fördern.

ÖKO-TEST: Zur Behandlung: Lernen die Kinder wie die Erwachsenen, Schritt für Schritt, die Angst auszuhalten?
Schneider: Der Fokus ist ein bisschen anderer. Bei Erwachsenen steht der Gedanke der Gewöhnung an die Angst im Vordergrund, bei Kindern arbeiten wir sehr stark darauf hin, die Selbstwirksamkeits-Überzeugung der Kinder zu erhöhen. Also, wir stärken das Kind darin, dass es nicht der Angst ausgeliefert ist, sondern sie selbst bewältigen kann. Wir geben ihnen zum Beispiel einen Mut-Stein mit, der sie daran erinnert, wie stark sie sind. Oder aber wir ermutigen sie, gegen die Angst zu handeln und zum Beispiel mit dem Schwert gegen sie zu kämpfen. So stärken wir das Gefühl beim Kind, ich beherrsche die Angst und nicht die Angst beherrscht mich.

Ängstliche Eltern - ängstliche Kinder

Ein weiterer Risikofaktor sind Angststörungen in der Familie. Kinder panikkranker Eltern haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Panik- oder Angststörung zu entwickeln. Das hat kürzlich ein Forscherteam um Professor Hans-Ulrich Wittchen vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden nachgewiesen. In mehr als 3000 Familien beobachteten sie die Kinder bis zum 34. Lebensjahr. Ihr Ergebnis: Wenn mindestens ein Elternteil an Panik-Agoraphobie erkrankt war, entwickelten fast ein Viertel der Kinder auch eine Panikattacke, in nicht belasteten Familien trat die Störung nur in 8,3 Prozent der Fälle auf. Forschungsleiter Wittchen mahnt daher, chronisch erkrankten Eltern besser als bisher zu helfen: "Denn erfolgreich behandelte Eltern sind die beste Prävention".

Schulphobie entsteht Zuhause

Kopfweh, Bauchweh, Erbrechen - bei derlei Symptomen behalten Eltern ihre Kinder normalerweise zuhause. Wenn sich die Symptome häufen und auf wunderbare Weise verschwinden, wenn die Ferien oder das Wochenende nahen, dann kann dahinter auch eine Schulphobie oder Schulangst stecken. Das sind zwei ganz verschiedene Angststörungen. Sie sind nicht leicht zu diagnostizieren. Oft ist fachliche Hilfe sinnvoll.

Schulphobie hat nichts mit dem Leistungsdruck in der Schule oder Angst vor Mitschülern zu tun. Vielmehr haben die Kinder Angst, sich von den Eltern zu trennen. Es kann sein, dass sie zuhause überbehütet sind und in den Niederungen des Schulalltags keinen Platz finden. Es kann aber auch sein, dass sie unter familiären Problemen leiden oder aus Familien kommen, die kaum emotionalen Rückhalt bieten. Diese Kinder mögen nicht allein sein, geraten in Stress, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden oder fürchten ständig, dass ihnen etwas passiert. Wenn zum Beispiel die Mutter depressiv ist oder unter einer Angststörung leidet oder der Vater alkoholkrank und gewalttätig, dann trauen sich das Kind nicht, die Mutter allein zulassen. Das Kind immer wieder zuhause zu behalten, ist dann die schlechteste Lösung. So verstärkt und verfestigt sich die Angst. Stattdessen sollten die Eltern fachliche Hilfe suchen.

Schulangst entsteht in der Schule

Schulangst ist tatsächlich Angst vor der Schule. Es verlangt Fingerspitzengefühl, die Ursachen zu ergründen. Schuld können Lernschwierigkeiten und schlechte Noten sein. Dahinter kann die Angst vor Lehrkräften stecken, die Leistungsschwächen der Kinder bloßstellen und sie beschämen. Aber auch die Angst vor Gleichaltrigen kann Schulangst auslösen, wenn sie zum Beispiel ein Kind hänseln, verspotten, ja sogar tyrannisieren, schlagen und erpressen. Wenn das Kind oder der Jugendliche dann mit Bauch- oder Kopfschmerzen zuhause bleiben, sind sie zwar im ersten Moment erleichtert. Aber das Fehlen verschärft die Situation: Die Schulleistungen lassen nach, die Kränkungen nehmen zu und die Schulangst verstärkt sich. Wichtig ist, der Schulangst so früh wie möglich zu begegnen. Konkret heißt das, mit Hilfe von Lehrern und Schulpsychologen die Angstauslöser finden und dem Kind bei der Überwindung seiner Ängste zu helfen - zum Beispiel durch neue Erfolgserlebnisse.

Angst fast immer heilbar

Kinder mit Angststörungen können lernen, sich in Angst auslösenden Situationen zu behaupten. Nachweislich wirksam ist die kognitiv-verhaltenstherapeutische Psychotherapie. Sie funktioniert ähnlich wie bei Erwachsenen. Die Kinder lernen zunächst, warum es Angst überhaupt gibt und wie sie sich anfühlt. Sie erfahren, dass Angst manchmal auch zu viel sein kann. Und sie durchschauen wie Gedanken, Angstgefühle und Körpersymptome miteinander verknüpft sind. Schließlich lernen die Kinder, wie sie die Angst besiegen können. Sie üben, Schritt für Schritt die Angst auszuhalten und erleben, wie sie weniger wird. Etwa 70 bis 80 Prozent der angstgestörten Kinder sind nach einer Verhaltenstherapie für mehrere Jahre geheilt.

Ob auch die Eltern in die Behandlung einbezogen werden sollten oder nicht, ist unklar. "Beides funktioniert", sagt Silvia Schneider, nachdem sie entsprechende Therapiestudien ausgewertet hat. Bei jüngeren Kindern und bei Kindern, deren Eltern selbst unter einer Angststörung leiden, geht sie davon aus, dass die kleinen Patienten stärker von einer familienzentrierten Therapie profitieren. Dem Kind mehr zutrauen, sein ängstliches Verhalten ignorieren und seinen Mut loben - das sind einige Tipps, die sich den Eltern gibt.

Gerlinde Geffers