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Her mit den Nadeln

Die neue Lust am Selbermachen

Wer hätte das gedacht: Junge Frauen, ja sogar junge Männer, stricken, häkeln und nähen wieder. Warum? Weil es Spaß macht. Weil es entspannt. Und weil Handgemachtes anders ist als Billigmode.

Häkeln? Ist doch einfach, sagen die, die es mal gelernt haben. Aber wer könnte schon auf Anhieb erklären, wie man die Anfangsschlaufe hinkriegt? Anne Meyer kann es. Neben ihr wickelt ein junger Mann wieder und wieder das Ende eines Wollknäuels um seine Hand und blickt sie fragend an. Sie schlingt den Faden einmal um die Hand, hält das Fadenende geschickt mit dem Daumen fest, wickelt den Faden ein zweites Mal um die Hand, kreuzt dabei die erste Schlinge und zieht den Faden unter ihr durch. Oh Wunder! Es entsteht ein Knoten. Festziehen. Fertig.

Anne und ihr Häkelschüler sitzen am Ende eines langen Holztisches im Konsumkulturhaus Lokal. Über der Theke zur Küche hängt eine Markise, die aus Bindfaden gestrickt ist, die Hocker sind im Stäbchenmuster behäkelt, auf den vergilbten Putz der Wände ist Lokal e.V. gestempelt. Die abrissreife Stadtvilla in Hamburg-Altona ist ein Treffpunkt für junge Leute, die ein Faible für Mode und Design, Stoffe und Garne und vor allem für Handgemachtes haben. „Wir wollen zeigen, dass Konsum anders geht“, sagt Projektleiterin Anne Meyer. Mit „anders“ meint sie „nachhaltig und cool“. Das Lokal organisiert Designmärkte, lädt ein zum Klamottentausch oder zu Etsy Labs, Bastelnächten, in denen alle ausprobieren, was man so alles selber machen kann: Lampignons, Cocktails, Schmuck aus Leder oder echten Bad Taste wie Seidenmalerei und Batiken. Einmal im Monat trifft sich der Strickklub.

Gemeinsam stricken macht mehr Spaß

Nach und nach trudeln vor allem junge Frauen ein, kramen ihren Strickzeug hervor und legen los. Antje strickt mit einer Rundnadel einen Schal, den sie sich über den Kopf ziehen kann. „Sieht raffinierter aus, als es ist“, sagt sie und hält ein Karomuster hoch: „Das sind nur rechte und linke Maschen“. Das Stricken hat sie von ihrer Oma gelernt. Manchmal häkelt sie auch oder sie näht, ganz wie sie Lust hat. Marlies setzt sich dazu und fischt eine angefangenen Babysocke aus ihrer selbstgenähten Tasche. Die Ferse ist das Problem. Flugs fliegt der Schal auf den Tisch und Antje schnappt sich das Nadelspiel. Ob Maschen anschlagen oder Perlmuster stricken, Armbänder häkeln oder Mützen stricken - im Strickklub zeigen sich Strick- und Häkelsüchtige gegenseitig, wie es geht.

„Stricken ist meditativ. Es ist eine Art, sich mich sich selber zu beschäftigen“, sagt Anna Nimmo. „In einer Zeit, in der alles schnell läuft, kommt man dabei runter“. Sie selbst strickt Mützen und verkauft sie, sie engagiert sich als Vorstand im Verein Lokal und hat den Strickklub gegründet. Denn Stricken hat noch einen weiteren Vorteil: Wer nicht gerade Maschen zählt oder aufnimmt, kann dabei auch wunderbar klönen. Statt allein zuhause im Internet unterwegs zu sein, lassen sich die jungen Strickerinnen im Lokal ein Bier oder einen Milchcafé einschenken und plaudern nadelklappernd drauflos. „Schon in den zwanziger Jahren gab es Stricktreffs“, sagt Anna, die gerade ihre Diplomarbeit über den Wandel der Strickkultur geschrieben hat. Früher aber war es anders: „Da mussten die Mädchen stricken, sie durften nicht untätig sein.“ Heute tun sie es, weil es Spaß macht und weil sie lieber originelle, handgemachte Einzelstücke tragen als die H&M-Billigmode, die für Hungerlöhne in asiatischen Sweat-Shops genäht wird.

Zehn Jahre lang war Handarbeit out

Es ist schon merkwürdig. In den siebziger Jahren häkelten Hippies kunterbunte Umhängetücher, in jeder Vorlesung klapperten die Nadeln, junge Frauen strickten ihren Liebsten meist übergroße Pullis. Die trugen sie klaglos. Wer es etwas schicker haben wollte, brauchte nur die nächste Frauenzeitschrift voller Anleitungen zu kaufen oder konnte die Strickmuster in den Schaufenstern der Modegeschäfte abgucken. Wollläden gab es an jeder Ecke. Anfang der Achtziger strickten rund 80 Prozent aller Mädchen und Frauen, bundesweit gab es etwa 6000 Handarbeitsgeschäfte, schätzt die Initiative Handarbeit, ein Zusammenschluss von Firmen, die Handarbeitsgarne und Zubehör herstellen. Anfang der Neunziger war alles vorbei. Läden verschwanden, Verlage nahmen Handarbeit-Titel vom Markt, die Garnhersteller bangten. Ein Jahrzehnt lang war Stricken und Häkeln out.

Heute nennen es die Hersteller Needle Work Design. Seit 2003 steigern sie ihre Umsätze jährlich um mehr als 10 Prozent. „Angefangen hat es damit, die Leute, die während der Boomphase jung waren, die Nadel wieder entdeckt hat. Das sind die heute 40- bis 50jährigen“, sagt Angela Probst-Bajak, Sprecherin der Initiative Handarbeit. Damals hätten italienische Modeunternehmen wie Prada und Dolce Gabbana hochwertige Stricksachen auf den Markt gebracht. Und die Frauen hätten gedacht: „Das kann ich auch“.

Heute stricken alle Generationen

Renate Augustin hat ihren Wollladen Purpur vor 27 Jahren eröffnet - kurz vor dem Absturz. Überlebt hat sie die Flaute, weil die mode- und ökobewussten Frauen und jungen Mütter im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel in den Ladenregalen fanden, was sie suchten: hochwertige, reine Garne wie Merino, Alpaca, Cashmere, Mohair oder Seide. Als Ende der Neunziger die Zeitschrift Brigitte sich in einer Spinnerei extra dicke Wolle in Trendfarben spinnen ließ, verschickte Augustin bundesweit Nadeln Stärke 20. Die gab es anderswo nicht. Wenig später kamen die ersten Hersteller mit dicken Garnen auf den Markt, die Models trugen Grobstrick über den Laufsteg, Julia Roberts outete sich als eine, die am Set zur Entspannung strickt, und das Geschäft boomte: „Letztes Jahr war der beste Winter, den ich je erlebt habe“, sagt Augustin.

Überall klappern die Nadeln. Ihre Kundinnen seien zwischen 10 und 90 Jahre alt, sagt Renate Augustin. Junge Frauen stricken und häkeln gerne Mützen, Schals oder Jacken, am liebsten Grobstick mit Dochtwolle. Viele Mütter stricken Pullover und Decken für ihre Kleinen. Stillbewusste Frauen stricken neuerdings 200-Euro-teure Decken, die im Designermöbelladen das Vierfache kosten würden. Homing nennen Marktforscher den Trend zum kuscheligen Wohnen, der angeblich das Cocooning ablöst. Die Menschen ziehen sich nicht mehr nur zurück und stricken zur Entspannung. Sie laden nun auch auch gerne Freunde ein.

Anleitungen aus dem Internet

Während die 40jährigen die zeitweilig verpönten Stricknadeln aus den Nähkästchen kramen, lernen viele junge Frauen erst, wie man Maschen aufnimmt, Stäbchen häkelt oder Zickzack näht. Bei ihren ersten Schals und selbst genähten Tasche greifen sie auf Vertrautes zurück: das Internet. In unzähligen Blogs, Communitys und Youtube-Filmen erklären passionierte Selbermacherinnen, wie es geht. Ideen holt sich die Szene auch im gedruckten Magazin Cut, dass fünf Müncherinnen entwickelt haben, weil ihre die üblichen Schnittmuster nicht gefielen. Seit März 2009 erscheint es zweimal pro Jahr mit Modestrecken, Designerporträts, Städtetipps und selbstgemachter Mode inklusive Anleitungen und Schnittmuster.

Bisher nur als digitale Zeitschrift und Blog erscheint das Eigenwerk-Magazin. Von Stoff bis Faden, von Erde bis Recycle zeigt es, was die Do-it-yourself-Szene mit ihren Händen schafft. Gleich im ersten Heft wird klar: Ausgerechnet das, was ihre Mütter gehasst haben, zieht die Eigenwerkerinnen von heute an - Granny Squares, bunt gehäkelte Quadrate, die sie Decken oder Kissen zusammennähen. Auch für die Mädels vom Lokal sind solche Muster eine echte Neuentdeckung. Sogar einen gehäkelten Überzug für die Klopapierrolle könnten sie sich auf der Toilette des Hauses vorstellen. Der müsste dann allerdings neonfarben sein.

„Durch die Handmade-Szene und die Events wie den Stricktreff hat das Handarbeiten sein verstaubtes Image verloren“, sagt Sophie Pester, Stammgast im Lokal. Sie hat sich das neue Rolle Jersey-Garn und eine dicke Häkelnadel geschnappt, hockt auf dem Sofa und probiert das Material aus. „Es gibt tolle Farben, tolle Materialien“, schwärmt sie, „die Leute denken sich die tollsten Sachen aus.“ Bei Sophie Pester laufen in Sachen Handmade viele Fäden zusammen. Erst hat die Kommunikationsdesignerin Textilien bestickt und bedruckt und ein eigenes Label gegründet. Dann hat sie via Blog andere Designer und Macher gesucht und schließlich hat sie im Herbst 2010 für 67 Handmade-Labels, die sie zuvor nur via Internet kannte, den realen Designmarkt „Hello Handmade“ organisiert. Der Erfolg war so groß, dass sich vor der Hamburger Kampnagelfabrik Schlangen bildeten. Im Herbst findet der nächste Markt statt, im Frühjahr einer in München. Sophies Vorbild sind unter anderem die Märkte und Festivals der Handmade-Bewegung in den USA, die der Film „Handmade Nation“ porträtiert.

Omas Wissen wird wertvoll

Sophie Pester steht für vieles, was die neue Handmade-Szene umtreibt: Dem Arbeitsalltag vor dem Rechner entkommen, die eigenen Talente entdecken und gleichzeitig über Blogs und in der realen Welt einer kreativen Stadt vernetzt sein. Sie habe im Job den ganzen Tag am Rechner gesessen, oft ohne richtige Erfolgserlebnisse zu haben, erzählt die Kommunikationsdesignerin. Handarbeit sei da ganz anders: „Nach drei Stunden habe ich das Gefühl, ich habe etwas geschafft.“

Sie selbst hat mit der Handarbeit begonnen, nachdem sie eine Jugendstil-Tischdecke entdeckte , die ihre Oma in ihrer Jugend selbst bestickt hatte. „Eine Wahnsinnsarbeit und wunderschön“, sagt sie. Als sie dann auch noch alte Leinentischdecken fand mit aufgedruckten Muster und passenden farbigen Garnen, fing sie an zu sticken. Sie bestellte sich Stickmusterbücher aus aller Welt und bewunderte alte Stickereien in Museen. Sie sei süchtig nach Handarbeiten geworden, sagt Sophie und entwickelte ihr eigenes Label.

Der Traum von der eigenen Marke

„Junge Frauen sehen im Design und Handmade ganz klar eine Business-Option, sich selbstständig zu machen“, sagt die Do-it-yourself-Expertin Verena Kuni. Das hänge auch mit dem Phänomen der kreativen Stadt zusammen. Großstädte fördern das Kreativbusiness als Standortfaktor. Berlin wurde sogar als Unesco-Stadt des Designs ins weltweite Netzwerk der Kreativen Städte aufgenommen. Das Klima macht Mut, es selbst zu versuchen. Viele der ersten Selbstmach-Lädchen in größeren Städten seien Ich-AG-Gründungen gewesen, sagt Kuni. Auch die neue Handmade-Bewegung in den USA habe wirtschaftliche Gründe. Als im Silicon-Valley die IT-Blase platzte, wurden viele Leute aus IT-Business arbeitslos und hatten auf einmal Zeit: „Die haben sich gesagt, ich kann ja noch etwas.“ Da schließt sich wieder der Kreis zum Internet: Der Verkauf ist heute über Online-Shops in alle Welt möglich.

Für die meisten Frauen und die wenigen Männer bleibt die Handarbeit ein Hobby. Sie stricken Mützen, häkeln Handytaschen und erwirtschaften sich damit bestenfalls einen Nebenverdienst auf Internetplattformen wie Dawanda oder Etsy. Wie Swetlana Nikitenko, die als Sachbearbeiterin arbeitet. „Stricktdagegen - gegen Ramsch, Gedöns und Massenware“ nennt sie ihren Dawanda-Online-Shop. Sie hat ihn im vergangenen Herbst eröffnet – ihre Tochter hat es ihr geraten. Schon als Kind hat die 44jährige ihre Puppen bestrickt, als Jugendliche hat sie Nähen gelernt, weil es in der Sowjetunion keine schönen Sachen für Jugendliche gab. Heute lebt sie in Berlin und strickt Berliner Freaks – kleine Figuren in allen Hautfarben -, originelle Hüllen für Sticks und Handys oder skurrile Eierwärmer, wie etwa ein Hähnchen, mit prallen rechtsgestrickten Schenkeln und einer Brust im Perlmuster. Alles Unikate. Sie will zeigen, dass man durch Handarbeit auch kritisch und witzig sein kann.

Auf der Online-Plattform tummelt sie sich gemeinsam mit weit über 100 000 Herstellerinnen. Mit dem Geschäft ist die Stricktdagegen-Betreiberin trotzdem zufrieden. Inzwischen diskutiert sie über Foren mit anderen Shopbetreiberinnen und trifft sich mit der Gruppe zweimal im Jahr in einem sächsischen Dorf - zu einem gemeinsamen Markt. Leben können nur wenige von ihrem Strick- und Häkelwerk. Im Gegenteil: „Es ist Luxus, wieder Sachen selber machen zu können“, sagt Anna. Wenn sie eine Mütze strickt, zahlt sie allein für die Wolle doppelt so viel, wie eine Mütze bei H&M kosten würde. „Da ist meine Arbeitszeit noch nicht drin.“ Reich wird sie damit nicht, aber glücklich.

Interview: Stricken heißt heute auch Netzwerken

Verena Kuni ist Professorin für Visuelle Kultur an der Goethe Universität Frankfurt. Sie forscht seit langem über Do-It-Yourself-Kulturen, ist Ko-Kuratorin der Ausstellung „Do It Yourself – Die Mitmachrevolution“ und Mitherausgeberin des Buches „Craftista!“.

ÖKO-TEST: Warum häkeln junge Frauen heute Granny Squares wie die Hippies?

Kuni: Der größte Teil der Anregungen kommt über das Netz und über Blogs. Granny Squares , Quilting und andere Handarbeiten, darunter auch solche, die dezidiert als Gemeinschaftsproduktionen angelegt sind, haben in den USA eine lange Tradition. Auf die wird sehr unverblümt zurückgegriffen. Bei uns ging das lange Zeit gar nicht aufgrund des hiesigen Feminismus-Verständnisses, was ja auch gute Gründe hat. Als es in den 1980er Jahren die letzte große Strickwelle in der Alternativkultur gab, haben bei den Grünen im Parlament auch Männer demonstrativ gestrickt. Auch damals stand die Frage im Raum: Geht das mit Feminismus zusammen? Solche Debatten verlaufen in den USA etwas anders und nicht ganz so kritisch.

ÖKO-TEST: Inzwischen stricken alle wieder, auch teure Decken.

Kuni: Es geht auch um Wertigkeit. Es gab eine Phase, in der alle zu Ikea, H&M oder in Ein-Euro-Shops gelaufen ist. Jetzt gibt es eine Gegenbewegung. Ein anderer Impuls ist, das Wissen der Großelterngeneration zu retten. Das steht ja nicht automatisch im Netz. Und der Wert der Handarbeit ist ein Impuls. Die meisten Menschen sitzen in ihren Berufen von früh bis spät an ihrem Rechner. Dann fasst man gerne mal wieder was an und macht etwas mit den Händen - ob das nun Gärtnern, Stricken oder Sägen ist.

ÖKO-TEST: Die Handarbeitsfirmen sprechen auch von Homing und Cooconing. Ist Handarbeit ein Rückzug ins Private?

Kuni: Ich wäre da sehr skeptisch. Die junge Generation macht das eben nicht mehr daheim und allein. Es ist ein Halbcocooning, weil man sich privat zum Werkeln treffen kann, aber man macht es auch in der Öffentlichkeit. Es sind nicht alle Strickkreise Radical Knitting Circles, die sich treffen, um die Stadt zu bestricken. Aber man trifft sich im Café und hat zugleich seinen Facebook-Kreis. Man strickt und zeigt jeden Schritt im Blog, aber man kommuniziert eben auch im Realraum.

ÖKO-TEST: Hat Handarbeit Zukunft?

Kuni: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, man kann die Uhr nicht zurückdrehen. Die Leute haben festgestellt, dass Handarbeit zwar lange dauert, sie aber an Lebensqualität gewinnen, weil sie sich die Zeit für sich nehmen. Wenn ich einmal erfahren habe, was für eine Befriedigung es ist, Dinge selber zu können, dann ist das unbezahlbar. Eine Ernüchterung wird es vermutlich bei den vielen kleinen Läden geben, die Selbstgemachtes verkaufen. Die werden vermutlich nicht alle überleben. Aber der Wunsch, etwas mit den Händen zu machen, wird bleiben.

Gerlinde Geffers