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Globale Zukunftsfragen

Das hat es an der Universität Hamburg noch nie gegeben: 16 Seminare aus zehn verschiedenen Fachbereichen begleiten eine Vorlesungsreihe: Globale Zukunftsfragen. Aus 16 Blickrichtungen geht es um Trends, Entwicklungen, Gefahren, zukunftsweisende Beispiele und die Frage: Wo steht die Menschheit heute und wohin steuert sie?

Zum Beispiel: Ein Becher Erdbeerjoghurt. 95 Prozent der Energie, die in ihm steckt, kommt aus Erdöl. Billiges Erdöl. Nur 5 Prozent der Energie hat die Sonne beigesteuert. Bis der Joghurt den nordeuropäischen Frühstückstisch erreicht hat, sind seine Zutaten quer durch Europa gereist, weil zum Beispiel die Erdbeeren aus Polen in Aachen verarbeitet und in Stuttgart in den Joghurt gerührt werden. Das ist verschwenderisch, aber absurderweise kostengünstig.

Während Nordeuropäer Erdöl essen, stirbt Tag für Tag eine Kleinstadt an den Folgen von Unterernährung. Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) verenden täglich rund 24 000 Menschen, weil sie kein Land besitzen, das sie ernähren könnte, weil der Boden immer weniger hergibt und sich in Wüste verwandelt, weil sie kein Geld haben, um Nahrung zu kaufen. Oder: Weil Dürre oder Unwetter ihre Ernten zerstört haben, was wiederum eine Folge der Erdölverschwendung und des damit verbundenen Klimawandels sein kann.

Ein anderes Beispiel: Glückliches Hamburg. Seine Wasserwerke preisen die Trinkwasserqualität ihres Leitungswassers in Werbespots. Armes Shanghai. Hier macht das Leitungswasser krank. Viele Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern verfügen nicht über genug Trinkwasser und ihre Abwässer verseuchen die Flüsse so stark, dass sie bewässerte Böden nicht nähren sondern vergiften. Fünf Millionen Menschen sterben jährlich durch verunreinigtes Wasser. Auf dem Land hingegen wird in vielen Regionen das Grundwasser knapp. Indiens Bauern zum Beispiel, die immer mehr Fläche durch Bewässerung nutzbar gemacht haben, müssen heute fast einen halben Kilometer tief bohren, um ihre Felder zu bewässern - vor 20 Jahren fanden sie das Wasser bereits nach knapp hundert Metern. Wenn Wasser und Boden immer knapper werden, flüchten die Menschen aus den Dörfern in Städte, die schon längst kollabiert sind.

Entwicklungs- und Umweltprobleme sind eng miteinander verflochten.

Wer ihre Ursachen und Wechselwirkungen verstehen will, muss die Erkenntnisse aus vielen wissenschaftlichen Disziplinen nutzen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) zum Beispiel bringt bereits seit zehn Jahren verschiedene Fachrichtungen an einem Tisch - vom Klimaforscher bis zur Medizinerin, vom Politikwissenschaftler bis zur Nationalökonomin oderJuristin. Zur Einschätzung globaler Umweltveränderungen haben die Wissenschaftler das Syndromkonzept entwickelt. Syndrome beschreiben die vielschichtigen Krankheitsbilder der Erde, die der Globale Wandel mit sich bringt. Sie entstehen, wenn die Natur einseitig ausgebeutet wird, wenn Boden, Wasser und Luft durch schädliche Stoffe überlastet werden oder sie sind Folgen von Fehlentwicklungen.

So zeigt zum Beispiel das Favela-Sydrom, wie eng Umweltschädigungen und die Verelendung der Bevölkerung verknüpft sind. Das Dust-Bowl-Syndrom beschreibt, wie industrielle Landwirtschaft zum Verlust von Boden, Wasser und Artenvielfalt führt, das Aralsee-Syndrom steht für die Umwelt- und Entwicklungsprobleme durch zentralistisch geplante Großprojekte und das Altlasten-Syndrom zeigt, wie das Umfeld von Industriestandorten langfristig ökologisch belastet wird.

Insgesamt 16 Syndrome nennt der WBGU. Sein Ziel ist es, die Syndrome zu lindern, zu beseitigen oder im besten Fall, ihre Entstehung zu verhindern.

Seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 gilt nachhaltige Entwicklung als Leitvision.

Bereits damals haben die Staaten der Welt die Kernprobleme des Globalen Wandels benannt und mit der Agenda 21 ein umfassendes Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert vorgelegt. (www.geocities.com/RainForest/7090/agd21k00.htm) Seine Leitvision ist nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development). Sie erhält die Lebensgrundlagen und sichert allen Menschen und den künftigen Generationen ein menschenwürdiges Leben.

Was damals als Meilenstein für die internationale Zusammenarbeit bejubelt wurde, hat sich aus heutiger Sicht als weitgehend leeres Versprechen entpuppt. So jedenfalls sehen es die Verfasser des Johannesburg-Memorandums, einer Denkschrift zum Folgegipfel von Rio: dem Erdgipfel in Johannesburg im September diesen Jahres. (www.Joburgmemo.de) Die 16 Verfasserinnen und Verfasser , die aus vier Kontinenten stammen, werfen den führenden Staaten der Welt vor, mit der Gründung der Welthandelsorganisation WTO von Anwälten der Erde zu Verkäufern des Planeten mutiert zu sein. Die Deregulierung der Märkte zwinge die Länder im Süden und Osten zur beschleunigten Ausbeutung ihrer Naturschätze. Einer der Gründe: Die Weltmarktpreise ignorierten die ökologischen Kosten und die sozialen Folgen und verwandelten unbezahlbare Naturwerte in Waren. Die Ländern opferten das Gemeinwohl den Interessen von möglichen Investoren.

Armutsbekämpfung ist nicht ohne Reichtumslinderung zu haben, schreiben die Autoren. Sie fordern die globale Konsumentenklasse, also auch uns, auf, deutlich weniger Ressourcen zu verbrauchen, die Rechte der Armen zu stärken und sie gerecht am Naturerbe der Menschheit zu beteiligen. Dafür sei es es nötig, Gemeinschaftsrechte an Ressourcen zu vereinbaren, ökologisch vertretbare Preise festzulegen und sich auf eine Handelsordnung zu einigen, die an Nachhaltigkeit und Fairness ausgerichtet ist.

Eine Vorlesungsreihe für die ganze Universität und die ganze Stadt

Die Vorlesungsreihe im kommenden Wintersemester spannt den Bogen von Rio bis Johannesburg und weiter. Sie gibt ein pointiertes Bild der globalen Entwicklungs- und Umweltprobleme und thematisiert mehrfach die Folgen der Globalisierung. Dabei strebt die Reihe eine Vielfalt der Sichtweisen an: Sie nähert sich den globalen Zukunftsfragen von Seiten der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften an, stellt interdisziplinäre Sichtweisen vor, provoziert Kontroversen, sie stellt männliche und weibliche Sichtweisen gegenüber und macht die Ansätze verschiedener Kulturen deutlich. Sie ist für die ganze Universität und die ganze Stadt offten. Zwei der Begleitseminare sind durchgehend interdisziplinär angelegt. Die Überzeugung der Veranstalter: Die globalen Zukunftsfragen können nur dann bewältigt werden, wenn die Vielfalt der Perspektiven als Quelle eines tiefer gehenden Verständnisses genutzt wird und wenn dem Globalen Denken das entsprechende Handeln folgt.

Gerlinde Geffers