Erst die Arbeit, dann die Qualifizierung

Schule beendet und dann? Für viele junge Menschen mit Behinderung führt der Weg in eine Werkstatt. Doch es gibt Alternativen. 900 Menschen hat die Hamburger Arbeitsassistenz bereits auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt.

Er hat einen festen Arbeitsplatz: Gazi Y. arbeitet als Einräumer im Lager des Haarspezialisten Salon Hagel GmbH in Hamburg. Egal, ob Haargel oder -packung, , Haarfarbe oder Pflegeshampoo - Gazi weiß von fast allen der rund 12.000 Produkte, wo sie stehen. Und er bringt es anderen bei. Jeden, der neu eingestellt wird, nimmt er unter seine Fittiche. Da der Betrieb wächst und neue Leute einstellt, wird es vorerst so bleiben. "Das ist mein Traumberuf", sagt Gazi. Er weiß: Allein hätte er das nie geschafft.

Gazi Y. ist ein schmaler junger Mann, 22 Jahre alt, mit kurzem Bart und lockigen Haaren, die an den Schläfen fast kahlgeschoren sind. Er wirkt schüchtern, als er im Büro von Hagel sitzt und erzählen soll, wie er zu seinem Job gekommen ist. Neben ihm sitzt Birgit Barckmann von der Hamburger Arbeitsassistenz, die ihn seit drei Jahren begleitet. Sie ergänzt, als er von seinen Erfahrungen berichtet. Schule, Gewerbeschule, Berufsvorbereitung, dann der Gang zum Arbeitsamt, das ihm ihn vor die Alternative stellte: Betriebliche Berufsausbildung in der Werkstatt für behinderte Menschen oder eine ungelernte Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Entscheidung war klar.

Klar war auch, dass er nicht einfach einen Job bekommen würde: Yilmaz Gazi ist links halbseitig gelähmt. Er kann nicht einfach zupacken wie andere, kann nicht lange stehen und muss viele Tätigkeiten länger üben, bis er sie kann. Es galt also, eine Arbeit zu finden, die ihm liegt und die er gut bewältigen kann. Er wandte sich an die Hamburger Arbeitsassistenz. Sie unterstützt seit 1992 Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Unterstützte Beschäftigung - ein Modell aus den USA

Gegründet wurde die Hamburger Arbeitsassistenz von der Landesgemeinschaft Eltern für Integration. In ihren Anfangsjahren engagierte sie sich dafür, dass Menschen mit Behinderung in Regelschulen unterrichtet werden. Schon bald tauchte die Frage auf: Was kommt nach der Schule? Wohl wissend, dass nicht einmal ein Prozent der Menschen mit Behinderung den Sprung aus einer Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt schafften, wollte die LAG von vornherein eine Alternative. Die Lösung hieß: Unterstützte Beschäftigung. Das Programm kommt ursprünglich aus den USA und wurde Anfang der Neunziger bereits in Dublin praktiziert. Die Grundidee ist, Menschen mit Behinderung nicht zuerst für den Arbeitsmarkt fit zu machen und dann für sie einen Arbeitsplatz zu suchen, sondern umgekehrt. An erster Stelle steht die Frage, welchen Arbeitsplatz sich ein Mensch mit einer Behinderung wünscht und was seinen Interessen, Fähigkeiten und Einschränkungen entspricht. Im nächsten Schritt sucht die Hamburger Arbeitsassistenz einen Arbeitsplatz für genau diese Person. Dann unterstützt und qualifiziert die Arbeitsassistentin oder der Arbeitsassistenz sie so lange, bis sie alleine klarkommt. Auch nach der Qualifizierung bleibt die Arbeitsassistenz für die Arbeitsnehmer mit Behinderung und für die Betriebe ein Ansprechpartner.

Viele Praktika ebnen den Weg

Gazi Y. hatte den Wunsch, im Lager zu arbeiten. Auspacken und einsortieren, das mochte er. Zwei Jahre hatte er nun Zeit, in diversen Praktika seine Fähigkeiten zu erproben, auszubauen und schließlich einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden. Dabei standen ihm abwechselnd die Arbeitsassistentin Birgit Barckmann oder ihr Kollege zur Seite. Regalservice, Pfandannahme, Spülküche, Lager, Regalpflege, Lagerhelfer - die Liste seiner Praktika ist lang. Die Praktikumsplätze hatte jeweils die Akquisitionsabteilung der Hamburger Arbeitsassistenz gesucht. "Die Praktika bieten für beide Seiten Vorteile", sagt Birgit Barckmann: "Die Arbeitnehmer kann gucken, ob er mit der Arbeit klarkommt, der Arbeitgeber kann überlegen, ob er ihn einstellt." Auf diese Weise hat die Hamburger Arbeitsassistenz bisher 900 Menschen auf sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vermittelt, die ohne ihre Unterstützung vermutlich in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten würden. Finanziert wird die Assistenz von der Sozialbehörde, dem Integrationsamt, der Arbeitsagentur und Eu-Mitteln.

Bei einem Lebensmittelhändler schien es fast zu klappen. Birgit Barckmann erinnert sich, wie lange Gazi geübt hat, in der einen Hand einen Scanner, in der anderen einen Stift und gleichzeitig einen Joghurtbecher zu halten. "Das war ein Geduldsspiel", sagt sie. Schließlich hatte er den Bogen raus. Die Arbeit gefiel ihm, doch die Entscheidung fiel gegen ihn. Im August 2011 fing er als Praktikant beim Salon Hagel an. "Ich habe mein Bestes gegeben", sagt Gazi. Im Oktober hatte er einen Arbeitsvertrag. Und er wurde zum Türöffner für weitere Menschen mit Behinderung.

Arbeitsassistenten qualifizieren am Arbeitsplatz

Als Gazi Y. durch das Lager führt, ist seine Schüchternheit verflogen. Täglich werden hier fünf bis acht Paletten angeliefert. Er und sein Kollege Mustafa scannen die Produkte, zählen sie und bringen die Rechnung in die Buchhaltung. Dann räumen sie die Waren aus den Kartons in ein Labyrinth von Regalen ein. "Es kann sein, es einen Fehlbestand gibt", erklärt er fachmännisch. Anfangs waren Birgit Barckmann oder ihr Kollege mehrere Stunden täglich bei Hagel. Gazi musste lernen, sich zwischen den Regalen zu orientieren, sich zu merken, wo das Haarspray steht, wohin er die Haarteile geräumt hat oder zwischen in fast identischen Töpfen mit durchaus unterschiedlichem Inhalt zu unterscheiden. Und "Wir haben ihn so lange qualifiziert, bis er es alleine konnte", sagt Barckmann, während Gazi auf ein Regal zusteuert. Er fischt zwei Töpfe heraus und zeigt auf die Etiketten. Nur ein kleingedruckter Hinweis macht klar: Die eine Maske ist für kräftige, die andere für feines Haar. So etwas sieht er heute sofort.

Die Firma gewinnt

Rund 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftigt die Hamburger Arbeitsassistenz, die meisten sind pädagogische Fachkräfte und betreuen Menschen mit Behinderung am Arbeitsplatz. Gleichzeitig beraten sie die Arbeitgeber, zum Beispiel, wenn sie einen Praktikanten mit Behinderung einstellen. Bei Hagel hat Birgit Barckmann geholfen, die Lohnkostenförderung zu beantragen. Sie hat mit Fachleuten vom Integrationsamt gemeinsam überlegt, welche Hilfsmittel dem neuen Mitarbeiter die Arbeit erleichtern. So hat Hagel nun einen Elektro-Wagen für Kartons, der mühelos die Rampe zum Packraum schafft. Gazi und Mustafa steuern ihn mit einer Hand. Zurück im Büro. Andreas Juszus, der Lagerleiter, berichtet nur Gutes über Gazi Yilmaz. "Er hat Grips, ist sehr genau und mit Herz und Seele dabei". Natürlich habe er mit der Lagercrew gesprochen, bevor er Gazi eingestellt hat. Die Erfahrungen waren so gut, dass er kurz nach Gazi den ebenfalls halbseitig gelähmten Mustafa eingestellt und Gazi die Verantwortung für neue Mitarbeiter übertragen hat. "Das gibt Selbstwertgefühl", sagt er.

Mittlerweile hat er auch noch Nesrin U.*, eine junge Frau mit Lernbehinderung, und die gehörlose Sandra B.* eingestellt. Für Nesrin wurde ein Paketaufsteller angeschafft. Sie platziert zusammengefaltete Pappen auf ein Laufband. Karton aufstellen, falten und mit Klebeband versehen, das macht die Maschine. Und Sandra packt Waren für den Versand. Da sie gut Lippen lesen und Körpersprache verstehen kann, klappt die Kommunikation mit den Kolleginnen. Unterm Strich gewinnt die Firma in vieler Hinsicht: Sie spart Geld für die Ausgleichsabgabe. Dank Wagen, Paketaufsteller und neuer verstellbarer Tische geht die Arbeit schneller. Und schließlich hat sich auch das Betriebsklima positiv verändert: "Alle gehen jetzt ganz anders mit Behinderung um", sagt Andreas Juszus. Das hat Birgit Barckmann in vielen Betrieben erlebt.

*Namen geändert

Gerlinde Geffers