Eintritt frei für zwei

Kultur ist für alle da. In Hamburg stimmt das ein bisschen mehr als anderswo. Wer sich dort das Theater nicht leisten kann oder nicht allein ins Museum gehen will, ruft beim Kulturschlüssel an. Der schickt eine Begleitung und Freikarten.

Fürs Theater hat sich Mary-Lu Conrad ihre bestickte Jacke angezogen, das bunte Tuch in eine Schnalle mit funkelndem Kristall gesteckt und eine Tablette geschluckt – gegen die Schmerzen im Knie. Diesen Abend will sie genießen. Es geht nach St. Pauli, dorthin, wo sie als Kind gelebt hat und als junge Frau tanzen gegangen ist. Erst vor zwei Jahren hat sie nach fast 60 Jahren die Reeperbahn wiedergesehen. Das war, als der Kulturschlüssel startete.

Es klingelt. "Frau Conrad?" Vor der Tür steht Gülnur Can, die Kulturbegleiterin. Die beiden kennen sich noch nicht. Mary-Lu Conrad stört das nicht. "Hauptsache, ich habe jemanden, bei dem ich mich einhaken kann", sagt sie, als sie Can in ihre winzige Wohnung in Hartwig Hesse's Witwen-Stift in Hamburg St. Georg führt. Ihr Knie könne leicht nach vorne knicken. Sie zeigt mit der Hand erst darauf, dann auf die Hüfte: "Da ist ein Ersatzteil drin und da auch." Mit Begleitung könne sie sogar U- und S-Bahn fahren.

Viel Zeit zum Klönen bleibt nicht. Mantel an, Ballonmütze auf den Kopf, der Rollator bleibt zusammmengeklappt im Flur stehen. Frau Conrad hakt sich entschlossen bei Gülnur Can ein. Auf geht's zum Schmidt Theater. Gespielt wird das Musical "Villa Sonnenschein – Sex und Crime im Altersheim".

Mary-Lu Conrad, die kleine runde Dame, ist 81 Jahre alt. Auf der Reeperbahn erzählt sie von den Bombennächten in Hamburg und wie sie als Kind aufs Land verschickt wurde. Später, als junges Mädchen habe sie für 79 Cent pro Stunde in der Fischfabrik Bücklinge verpackt, Tag und Nacht, die seien dann nach Berlin geflogen worden. Sie hat ihr Leben lang geschuftet und ihre fünf Kinder weitgehend alleine großgezogen. "Kultur war nie drin, bis heute nicht", sagt sie und reibt ihren Daumen am Zeigefinger, als ob sie ihr fehlendes Geld zählen wollte: "Mit meiner Rente kann ich mich gerade so über Wasser halten".

Der Hamburger Kulturschlüssel öffnet Türen zu Theatern, Museen, Konzertsälen und Kinos. Das Projekt von Leben mit Behinderung Hamburg macht Kultur möglich für Menschen, die nicht mobil sind, denen das Geld für die Eintrittkarte fehlt, die sich nicht alleine ins Konzert oder Museum trauen. Diesen Kulturgenießern vermittelt er freiwillige Kulturbegleiter. Beide bekommen eine Freikarte, denn nur etwa fünf Prozent der Genießer können den Eintritt aus eigener Tasche bezahlen.

Die Sache mit den Freikarten sei nicht neu, erklärt Projektleiter Frank Nestler, der sich bei „Leben mit Behinderung Hamburg“ um die Freiwilligenarbeit kümmert. Der Haken sei früher gewesen, dass die Veranstalter kurzfristig die Karten verschenkt hätten und dann auf die Schnelle keine Begleitung aufzutreiben war.

Beim Kulturschlüssel ist das anders. Nestler hat Veranstalter gewonnen, die ihre Karten mindestens vier Wochen im Voraus zur Verfügung stellen. "Die meisten Veranstalter waren von Anfang an sehr freundlich", sagt er. Die lange Liste der Kulturspender beweist es: Aus anfangs vier sind innerhalb von zweieinhalb Jahren 50 geworden – von Alma Hoppes Lustspielhaus bis zum Thalia-Theater, vom Bucerius Kunstforum bis zum Miniatur Wunderland mit der weltweit größten Miniatureisenbahn.

Wie aber findet man Menschen, die jahrelang auf Kultur verzichtet haben, weil sie nicht gut zu Fuß sind? Oder Menschen mit Migrationshintergrund, die noch nie ein Museum betreten haben? Oder Menschen mit Handicap, die alleine wohnen? Frank Nestler hat Behinderteneinrichtungen und Seniorenstifte angeschrieben, in denen Menschen wie Mari-Lu Conrad leben.

Gülnur Can, die sich als Kommunalpolitikerin für Integration engagiert, hat die türkischen Vereine abgeklappert und der türkischen Presse erklärt, was sich hinter dem Kulturschlüssel verbirgt. "Es braucht Zeit, bis sich die Leute anmelden", sagt Frank Nestler. Es reiche auch nicht aus, Kontakt zu Institutionen zu suchen: "Man muss dranbleiben".

Nestler ist froh, dass er in vielen Institutionen Menschen für den Kulturschlüssel begeistern konnte, die dort leben oder arbeiten und nun als Freiwillige kommunikative Brücken bauen. Mittlerweile genießen 150 Menschen regelmäßig Kultur, 40 Prozent sind Senioren, 35 Prozent Menschen mit Behinderung und 15 Prozent davon sind Menschen mit Migrationshintergrund. Oft lernen sie in der Pause andere Kulturgenießer kennen, manchmal sind ganze Gruppen unterwegs. Bis heute hat der Kulturschlüssel rund 2500 Kulturgenüsse geschenkt.

Das Schmidt Theater war das erste Theater, das Karten für den Kulturschlüssel gespendet hat. Geschäftsführer Prof. Norbert Aust gefiel die Idee, Barrieren zur Kultur abzubauen. Sein Theater liegt direkt am Spielbudenplatz auf der Reeperbahn. Außen ein gläserner Neubau, innen ein plüschiges Theater, das an die Kinos der Fünfziger erinnert. St. Pauli sei einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs und gleichzeitig das Vergnügungsviertel für Millionen von Touristen, sagt Aust: "Wer hier lebt und arbeitet, hat ein Stück soziale Verantwortung“.

Monat für Monat spendet das Theater zwölf Karten. Das Schmidts hat den Auftakt des Kulturschlüssels im August 2009 gestaltet und zum ersten Geburtstag mit "Das Dschungelbuch" sogar eine ganze Vorstellung spendiert. 300 Kinder und Eltern aus armen Stadtteilen erlebten hier ihren ersten Theaterbesuch.

Gülnur Can kann sich noch gut an den Trubel erinnern. Die Kinder, so erzählt die 41jährige beim Glas Sekt im Foyer des Schmidttheaters, seien so aufgeregt gewesen, dass sie ständig ihren Familien per Handy erzählt hätten, was das Findelkind Mogli, die Wölfe und die Riesenschlage auf der Bühne treiben. "Wer noch nie im Theater war, erlebt das ganz anders", sagt Can. Sie hat schon Menschen aus anderen Kulturkreisen begleitet, die eigentlich Theater lieben, aber in Hamburg in 30 Jahren noch nie ein deutsches Theater erlebt haben. Die Hemmschwelle sei einfach zu hoch gewesen.

Can ist Kulturbegleiterin der ersten Stunde, nach wie vor "mit voller Leidenschaft". Denn: Immer mehr Menschen könnten sich Kultur nicht leisten. "Mit unserem Projekt steuern wir ein bisschen dagegen", sagt sie und stößt mit Mary-Lu Conrad auf den Kulturschlüssel an.

Den hat Frank Nestler nicht allein ersonnen. An der Konzeption hat ein kleines Netzwerk von Freiwilligen mitgegrübelt und gefeilt. Auch ein Schwede, der in Malmö ein ähnliches Projekt aufgebaut hat - den Malmönyckel, den Malmöschlüssel, der dann der Namenspate für die Hamburger wurde. Um die heute 80 Kulturbegleiter mussten die Erfinder nicht lange werben, sagt Frank Nestler: "Diese Form der Freiwilligenarbeit ist äußerst attraktiv, auch für Menschen, die voll berufstätig sind". Das Gros der Begleiter sei über 50 Jahre alt, aber auch viele Studierende nutzten den Kulturschlüssel, um "Erfahrungen mit Menschen zu sammeln, die sie normalerweise nicht kennenlernen würden."

Menschen wie die Malerin Mira Knolle, die vor 15 Jahren an Multipler Sklerose erkankt ist und nur noch mit Rollstuhl und Begleitung mobil ist. Die 57jährige hat sich als Künstlerin durchgeschlagen und allein zwei Kinder großgezogen. Kultur, sagt sie, ist ihr Leben. Auch wenn sie immer aufs Geld gucken musste, Filme, Theater und ab und zu ein Konzert hat sie sich gegönnt. Bis sie die Krankheit zwang, darauf zu verzichten - sie hatte weder Geld noch Menschen, die sie begleiten. Vor drei Monaten erfuhr sie, dass es den Kulturschlüssel gibt. Ein Anruf genügte. Tags darauf fand Knolle eine sechsseitige Liste mit Veranstaltungsvorschlägen in ihrem Briefkasten. Als erstes entschied sie sich für einen Gesangs- und Klavierabend unter dem Sternenhimmel des Planetariums.

So lernte sie Silke Sylvester kennen, eine Kulturbegleiterin, die von sich sagt: Eigentlich könnte ich auch Genießerin sein. Sie ist fast sechzig Jahre alt und hat ihren letzten Job vor über einem Jahr verloren. Demnächst wird sie als Betreuerin für demenzkranke Menschen arbeiten. "Ich wollte während der Arbeitslosigkeit etwas Sinnvolles tun", sagt sie. Über den Kulturschlüssel sei sie "richtig glücklich". Für den kostenlosen Eintritt, begleitet sie gerne Menschen, denen sonst der Kulturgenuss versagt bliebe.

An diesem Abend besuchen die Beiden das Elbphilharmoniekonzert in der Hamburger Laezhalle. "Klassische Musik interessiert mich am meisten", sagt Mira Knolle, als ihre Begleiterin sie zum Platz schiebt. Wie sie den Rollstuhl rangiert, hat Silke Sylvester in einer halbtätigen Schulung bei Leben mit Behinderung Hamburg gelernt, auch wie sie blinde oder gehbehinderte Menschen begleitet. Sie hilft ihrer Kulturgenießerin aus dem Rolli und geleitet sie zum Platz. Die Platzanweiserin bietet an, das Gefährt aus dem Gang zu rollen und in der Pause wiederzubringen.

Die beiden sprechen davon, wie sie gemeinsam eine beeindruckende Romeo und Julia-Adaption von Menschen mit und ohne Behinderung gesehen und charmante Schlager im Theaterzelt der Fliegenden Bauten genossen haben. Stille. Dann betritt das Belcea-Quartett die Bühne. Es spielt drei Streichquartette von Beethoven. Nach dem Konzert wird Mira Knolle sagen: "Das war Wahnsinn. Das hat einen wirklich mitgerissen."

Gerlinde Geffers