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Nachhaltigkeit - die wechselvolle Karriere eines Begriffes

Bio-Bananen aus Costa Rica, fair gehandelter Honig aus Mexiko, Brot aus der Region oder gar das handfilettierte Hähnchenbrustfilet aus Thailand - sind das nachhaltig produzierte Lebensmittel?

Weitgehend. Bananen, Honig und Hähnchen legen zwar Tausende von Kilometern zurück, aber sie kommen per Schiff und das bläst wenig klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft. Der regionale Kleinstbäcker hat zwar kurze Wege, lastet aber seinen Ofen nicht aus und schickt halbleere Transportfahrzeuge los - das kostet pro Brot mehr Energie als in Brotfabriken. Das Hähnchenbrustfilet ist von freilaufenden Tieren und überwiegend von Menschen weiterverarbeitet statt von energieintensiven Maschinen - das spart Energie und sichert Einkommen.

Die Beispiele zeigen: Nachhaltiges Wirtschaften setzt Wissen voraus. Wer die Nachhaltigkeit von Lebensmitteln beurteilen will, muss die ökologischen Folgen ihrer Erzeugung von Acker bis zum Teller kennen. Er fragt sich, ob die Nahrung gesund und sicher ist und ob ihre Erzeugung und Verarbeitung Arbeitsplätze und Existenzen sichert. Er hat auch das Schicksal der armen Länder im Blick - knapp die Hälfte aller Menschen muss mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen. Nachhaltigkeit fordert deshalb in den reichen Ländern eine Auseinandersetzung mit Lebensstilen. Sie ist ein Such-, ein Lern- und Abwägungsprozess.

Der sächsische Oberbergmann von Carlowitz hatte es einfacher, als er 1713 vor den kläglichen Wäldern stand, die der Raubbau im Mittelalter übrig gelassen hatte. Er forderte damals eine nachhaltige Forstwirtschaft und meinte damit, dass man nur so viel Holz einschlagen dürfe, wie durch Neuanpflanzung von Bäumen nachwachsen könne. 274 Jahre später macht der Begriff Weltkarriere.

Die Grenzen des Wachstums

Sie beginnt mit einem ein Alarmruf: Die Menschheit plündert den Planeten Erde und vergiftet ihn zudem skrupellos mit Schadstoffen. Mit ihren Bericht "Die Grenzen des Wachstums" rütteln Dennis Meadows und seine Mitarbeiter 1972 die Völkergemeinschaft wach. 1987 legt eine UN-Kommission unter der Leitung von Gro Harlem Brundtland, der späteren Ministerpräsidentin von Norwegen, den Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft"vor: Er formuliert erstmals ein Konzept, das Umwelt- und Entwicklungspolitik in einem Atemzug nennt und sie unter dem Begriff "nachhaltige Entwicklung" verknüpft. Nachhaltig ist laut Brundtland-Bericht eine "Entwicklung, die Bedürfnissen der Gegenwart befriedigt, ohne zu rieskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können."

Wendepunkt Erdgipfel von Rio

Das Konzept der Nachhaltigkeit beflügelt 1992 den Erdgipfel von Rio. Vertreter von 178 Staaten versammeln sich zur UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung und beschließen, die drängenden Probleme zu lösen. Sie verpflichteten sich, die Armut bekämpfen und die Gesundheit der Menschen zu sichern. Sie wollen alle Menschen mit ausreichend Süßwasser zu versorgen. Sie wollen das Klima schützen, die Wälder und die bedrohten Pflanzen und Tiere. Sie wollen die Böden retten und die Ausbreitung der Wüsten stoppen. Die Mammutaufgabe soll gleichermaßen von oben wie von unten angegangen werden - von Regierungsseite und von Bürgerseite. Frauen und Kinder, Bauern, Ureinwohner, die Privatwirtschaft und die Wissenschaft, Arbeitnehmer und Gewerkschaften, die Nichtregierungsorganisationen - alle sollen ihre Vorschläge machen. So steht im Abschlussdokument von Rio, der Agenda 21. Aus dem Aktionsplan für das 21. Jahrhundert spricht die Hoffnung, dass es den Nationen gemeinsam gelingen kann, die Armut in der Welt zu überwinden und den nachfolgenden Generationen intakte Ökosysteme zu hinterlassen.

Ein Meilenstein. Ein Wendepunkt. So wurde Rio damals bejubelt. Aus heutiger Sicht sind die Resultate ernüchternd. Weder ist die Welt gerechter geworden noch die Umwelt gesünder. Noch immer übernutzt die Menschheit die Biosphäre um 30 - 50 Prozent. Noch immer erwärmt sich das Klima, weil zu viel klimaschädliches Gas CO2 in die Luft geblasen wird. Und noch immer gilt die Formel, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der Weltressourcen verbrauchen.

Warum sind der Vision von Rio so wenig Taten gefolgt? Die Agenda 21 ist ein Programm und Nachhaltigkeit ist eine Richtschnur für die Entwicklung der Erde. Mehr nicht. Das hat den Vorteil, dass kaum jemand gegen Nachhaltigkeit sein kann, aber den Nachteil, dass bis heute jeder nachhaltige Entwicklung so definiert, wie es ihm am besten passt. Vor allem streitet man sich gerne darüber, wie denn Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Machbarkeit miteinander zu vereinbaren seien. Die drei Säulen der Nachhaltigkeit sollten eigentlich gleichwertig sein. Wenn aber Arbeitsplätze gefährdet sind, die Wirtschaft stagniert und die Staatskassen leer sind, dann gehen Umwelt und sozialer Ausgleich schnell als Verlierer aus dem Rennen.

Nachhaltigkeitsstrategien

Ganz verklungen ist die Botschaft von Rio nicht. In Deutschland erregt 1996 die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" großes Aufsehen. Darin werden zum ersten Mal umfassend Zahlen und Ziele zum Umweltverbrauch vorgelegt und Leitbilder formuliert, die wegführen vom Schneller und Mehr unserer Lebensweise. "Gut leben statt viel haben" avancierte zum Lieblingsmotto engagierter Mittelstandsbürger. Zwei Strategien gelten heute als Wege für eine nachhaltige Entwicklung. Die Effizienzstrategie setzt auf technischen Fortschritt. Er sorgt dafür, dass zum Beispiel der Energieverbrauch um den Faktor 4 bis 10 gedrosselt wird oder Rohstoffe durch intelligente Stoffströme so oft wie möglich wiederverwertet werden. Mit Effizienz lässt sich Geld sparen. Nicht zuletzt deshalb findet diese Strategie in der Wirtschaft am meisten Anklang.

Die Suffizienzstrategie stellt sich der Erkenntis, dass Nachhaltigkeit ohne Verzicht nicht zu haben ist. Weniger Fernreisen, weniger Autofahrten, weniger Fleischkonsum, weniger Eigenheimbau fordern Verteidiger der Mäßigung. Sie betonen, dass sich Lebensqualität nicht in Luxusgütern misst, sondern in Zeit, sozialem Zusammenhalt, intakter Umwelt, lebenswerten Städten oder reizvoller Kulturlandschaft.

Politische Folgen

In die Niederungen deutscher Politik ist das Konzept "nachhaltige Entwicklung" nur äußerst mühsam vorgedrungen - oft ziert es lediglich die Präambeln von Regierungserklärungen oder die Sonntagsreden von Politikern. Das Motto "Global denken - lokal handeln" beherzigen noch am ehesten die 2400 deutschen Kommunen, die einen lokalen Agenda 21-Prozess angeschoben haben. 18 Prozent der deutschen Kommunen beschreiten derzeit mehr oder minder erfolgreich mit Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Politik und Wissenschaft den lokalen Weg zur Weg zur nachhaltigen Entwicklung.

Johannesburg = Rio. Auf diese kurze Formel lassen sich schließlich die Ergebnisse des Erdgipfels für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 bringen. Und das werten die Nichtregierungsorganisationen durchaus als Erfolg. Denn zumindest im Vorfeld hat der Gipfel die Diskussion um nachhaltige Entwicklung neu entfacht.

Auch die deutsche Bundesregierung hat in letzter Minute für Johannesburg eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie mit vier Leitbildern vorzgelegt. Darin nimmt sie sich vor, den kommenden Generationen keinen Berg Schulden, sondern eine tragfähige Gesundheits- und Altersversorgung zu hinterlassen. Sie will für Lebensqualität sorgen, die von intakter Umwelt über befriedigende Arbeit bis zu guten Schulen reicht. Sie will Armut und soziale Ausgrenzung verhindert und international Verantwortung übernehmen. Das Verbraucherschutzministerium hat zur Strategie den Schwerpunkt "Gesund produzieren - gesund ernähren" beigesteuert. Mit 35,5 Mio. Euro Förderung lässt das Ministerium 18 Regionen ausprobieren, wie sie gewinnbringend in Richtung nachhaltige Landwirtschaft steuern können. Die Regionen tüfteln nun daran, wie sie ihre Produkte besser vermarkten können. Sie entwickeln ihre regionalen Spezialitäten weiter, gestalten den Vertragsnaturschutz neu, denken sich Konzepte für einen sanften ländlichen Tourismus aus oder führen "grünen" Unterricht auf Bauernhöfen durch - alles Ansätze zu nachhaltiger Entwicklung. Nachahmung erwünscht.

Also doch lieber regional erzeugter Honig statt fair gehandelter Honig aus Mexiko? In diesem Fall ist die Antwort ausnahmsweise einfach. Beides. Wollten alle deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher nur regionalen Honig kaufen, ständen sie schnell vor leeren Regalen. Deutsche Imker decken nur 20 Prozent des Bedarfs. Der Rest wird zu billigen Weltmarktpreisen importiert. Daher empfiehlt es sich, mindestens einen gerechten Preis zu zahlen. Nachhaltigkeit ist eben Abwägungssache.

Gerlinde Geffers