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Schwanger und nicht allein

Sie sind schwanger und haben viele Fragen? Das Kind ist da und alles läuft anders, als Sie es sich vorgestellt haben? Mit solchen Fragen ermutigt die Familienhebamme in Hamburg St. Pauli schwangere Frauen und Mütter, sich Hilfe zu holen - während der Schwangerschaft und im ersten Lebensjahr des Kindes.

Anton* ist gerade zwei Jahre alt geworden. Stolz chauffiert er mit seinem Bobbycar durch die Wohnung. Zwischendurch kriecht er zu Mama aufs Sofa, führt den kleinen Teddy auf seinen Socken vor und lässt sich seine superschicken blauen Handschuhe anziehen. Am nächsten Tag wird sein kleines Schwesterchen aus dem Krankenhaus kommen. Im Kinderzimmer steht ein zweites Bettchen. Antons Mutter freut sich riesig auf ihre Kleine und hat gerade zwei Fläschchen Milch abgepumpt, um sie einzufrieren. Lisa Falk* ist 20 Jahre alt und hat ihre kleine Familie gut im Griff. Klar, dass sie die Familienhebamme holen wird, wenn die kleine Tochter da ist. "Ich kann sie jederzeit auf dem Handy anrufen", sagt sie. "Sie ruft mich so bald wie möglich zurück. Egal, was ist."

Schon vor Antons Geburt hat die junge Mutter Kontakt zur Familienhebamme Birgit Schulze aufgenommen. Die lud sie damals zum Geburtsvorbereitungskurs ins Familienprojekt Adebar ein und kam regelmäßig zu Hausbesuchen, nachdem Anton geboren war. Einige Monate lang hat sie die beiden "mit jeder Menge Tipps" versorgt. Heute sagt Lisa Falk: "Für mich war das eine große Hilfe".

Familienhebamme gibt Sicherheit

Für Birgit Schulze war es ein Traumverlauf: Im Idealfall bereitet sie eine werdende Mutter auf die Geburt vor, hilft ihr bei Schwangerschaftsbeschwerden und Ängsten vor der Geburt und besucht sie in den ersten vier Monaten häufiger, danach noch einmal pro Monat. "Viele Mütter haben Angst, etwas falsch zu machen", sagt die Familienhebamme. So macht sie den Müttern vor, wie sie das Baby wickeln, baden oder zum Stillen anlegen. Sie erklärt, wie man Babynahrung zubereitet und schreiende Babys beruhigt. Sie greift ein, wenn die Mütter im Alltag überfordert sind und zeigt ihnen, wie sie mit dem Kind spielen können. Ihr Ziel ist es, den Müttern die Unsicherheiten zu nehmen, damit sie lernen, was ihrem Kind gut tun. Dabei betont sie immer wieder, dass es die perfekte Mutter nicht gibt.

Im Familienprojekt Adebar kann jede Schwangere aus dem Stadtteil eine Erstberatung bekommen und die zahlreichen Kurse rund um die Geburt nutzen. Die Hausbesuche sind dagegen nur für Familien gedacht, die besondere Hilfe benötigen: sehr junge Mütter, Familien, in denen Alkohol- oder Drogensucht eine Rolle spielen, Mütter mit psychischen Problemen, isoliert lebende Migrantinnen oder Familien mit finanziellen und sozialen Schwierigkeiten. Das sind viele in St. Pauli-Süd und Altona-Altstadt. Da die Betreuung aufwändig ist, wird sie aus zwei Quellen finanziert: die Krankenkassen zahlen die normalen Hebammenleistungen, die Stadt Hamburg die zusätzliche Arbeit.

Bindung aufbauen

Als Anton drei Monate alt war, ist Lisa Falk mit ihm zum Babymassage-Kurs gegangen. "Die Massage beruhigt die Babys", sagt sie und der Kontakt zum Kind verbessere sich. Sie hat den Kleinen auch gestillt und freut sich schon auf die kommende Stillzeit: "Die Bindung zwischen Kind und Mutter ist besser, wenn sie gestillt werden." Wenig Verständnis hat sie für die jungen Mütter, die schnell abstillen. Birgit Schulze ist da realistisch. "Ich bin froh, wenn die Mütter ihre Kinder gesund ernähren", sagt sie. Viele ihrer Klientinnen wollen nicht stillen - oft weil sie der Imtimität nicht gewachsen sind. Der Grund dafür liegt in ihrer eigenen schwierigen Lebensgeschichte: Viele der Frauen haben selbst sexuelle Übergriffe, Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben. So kann ihr schreiendes Baby die Erinnerung an die eigene Hilflosigkeit wachrufen und Angst auslösen. Diese Mütter müssen behutsam lernen, den Körperkontakt zu ihrem Baby anzunehmen und ihr Kind gut zu versorgen. Ein Baby zu massieren fällt da leichter als es zu stillen. Birgit Schulze macht ihnen vor, wie es geht.

Auch Lisa Falk wurde als Baby vernachlässigt - so stark, dass sie und ihre Schwester der Mutter weggenommen wurden. Sie wuchsen bei Adoptiveltern auf. "Klar habe ich es da gut gehabt", sagt sie, aber ihr Verhältnis zur Adoptivmutter war und ist schwierig. Mit 17 verließ sie die Familie, lebte einige Monate auf der Straße und fand über ein Straßenkinderprojekt eine Wohnung, in der sie betreut wurde. Sie lernte ihren Freund kennen und wurde schwanger - nicht unbedingt gewollt, aber "Anton war erwünscht." Seine kleine Schwester war dann geplant: "Ich wollte ihn nicht alleine aufwachsen lassen", sagt Lisa Falk. Inzwischen lebt sie getrennt vom Vater der Kinder, hat in ihrer 60-qm-Wohnung ein zweites Kinderzimmer eingerichtet und erlebt ihre eigene Kindheit als großen Ansporn: "Ich will es besser machen als meine leibliche Mutter."

Kindeswohl schützen

"Manche junge Mutter macht mit dem Kind einen Reifungsschritt", sagt Birgit Schulze. Das beobachtet sie auch bei substituierten Drogenabhängigen. Sie schaffen es häufig, dem Kind zuliebe aus der Szene auszusteigen und einen anderen Lebensstil zu pflegen. Auf der anderen Seite stehen die schwierigen Verläufe. Wenn in der Familie ständig Streit herrscht und Gewalt in der Luft liegt. Wenn Alkohol- oder Drogensucht regieren oder die Familien in ihren Wohnungen am Rande der Verwahrlosung leben. Wenn sie oder ihre Kollegin wiederholt vor verschlossenen Türen stehen oder wenn die Mütter sie als lästige Kontrolleurin betrachten statt als wohlwollende Helferin. Dann sorgt sich die Familienhebamme um das Kindeswohl. Eingreifen muss sie glücklicherweise selten: "Wir schützen das Kindeswohl, indem wir vorbeugen". Dazu gehört, dass sie mit Einverständnis der Familie den Kinderarzt anruft oder darauf hinarbeitet, freiwillig das Jugendamt um Unterstützung zu bitten. Wenn ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung besteht, informiert sie das Jugendamt.

Spezielle Qualifikation notwendig

Birgit Schulze ist von Beruf Hebamme. Alles, was sie als Familienhebamme zusätzlich wissen muss, hat sie sich Stück für Stück in Fortbildungen angeeignet. So hat sie sich intensiv mit Bindungsstörungen und Kindeswohlgefährdung beschäftigt und zusätzlich eine Ausbildung in Gestalttherapie absolviert. "Man muss Gespräche führen, sich abgrenzen können und mit Abwehr umgehen können", sagt sie. Um mehr Hebammen für die anspruchsvolle und oft auch belastende Tätigkeit zu qualifizieren, entwickelt der Bund Deutscher Hebammen ein Ausbildungskonzept für Familienhebammen. Derzeit läuft in Nordrhein-Westfalen nach zehn Jahren Pause wieder eine entsprechende Fortbildungsreihe.

"Man muss gut für sich sorgen können", sagt Birgit Schulze. Bei jeder Mutter versucht sie zu verstehen, warum eine Familie mit ihren Kindern nicht gut umgehen kann und erlebt es als befriedigend, wenn sich eine problembelastete Familie gut entwickelt. Der erste Schritt ist geschafft, wenn die Frauen merken: "Es ist gut, Unterstützung zu bekommen". Noch besser ist es, wenn sie lernen, sich auch in späteren Krisen Unterstützung zu holen. Lisa Falk ist da ganz selbstbewusst. Als der Arzt andeutete, dass ihre kleine Tochter vielleicht behindert sei, schaltete sie sofort Birgit Schulze ein und ließ sich von ihr die medizinischen Fachbegriffe übersetzen. Inzwischen haben sich die Befürchtungen aufgelöst: Die Kleine ist gesund.

* Namen geändert

Gerlinde Geffers