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Kinder im Verkehr: Straßen sind für alle da

In Deutschland wird alle zehn Minuten ein Kind angefahren. Weil Eltern ihren Nachwuchs aus Angst am liebsten daheim behalten, lernen die wenigsten verkehrsgerechtes Verhalten.

Die Ampel springt auf Rot. Jetzt! Sascha drückt den Knopf der Stoppuhr. Zehn, 20, 30 Sekunden, 40 Sekunden, eine Minute. Unruhig tritt der Achtjährige von einem Fuß auf den anderen. Weitere 15 Sekunden vergehen. "Das dauert ja Ewigkeiten", mault Alex neben ihm. Nach einer Minute und 30 Sekunden erlaubt ihnen das grüne Männchen endlich loszugehen.

Weit kommen sie nicht. Schon am Mittelstreifen werden die beiden wieder ausgebremst. Die kurzen Ampelphasen an der Washington-Allee in Hamburg-Horn sind nicht an das langsame Kindertempo angepasst. Die vierspurige Ausfallstraße und ihre Ampeln dienen nur einem Zweck: den Verkehr gleichmäßig fließen zu lassen. Kein Wunder. In Deutschland kommen auf ein Kind vier Autos.

Die Fahrer nehmen kaum Rücksicht auf kleine Menschen mit kurzen Beinen, empfindlichen Nasen, eingeschränktem Blickwinkel und den Kopf voller Spielideen. Das mussten nicht nur Sascha und Alex feststellen. Auf Anregung des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) haben bereits vor zwei Jahren 4200 Gutachter zwischen acht und 15 Jahren in 22 Städten ihre Alltagswege unter die Lupe genommen. Quälend lange Wartezeiten vor Ampeln monierte fast die Hälfte der Kinder und wies damit auf eine besondere Gefahr hin: Ab 40 Sekunden werden Fußgänger ungeduldig und neigen dazu, auch bei Rot über die Straße zu gehen. Ebenso warfen viele kleine Verkehrsexperten den Autofahrern vor, am Zebrastreifen nicht rechtzeitig zu halten.

"Wir dürfen hier nicht vor der Tür spielen", erklärt die achtjährige Sally, als sie mit Sascha und Alex in der Kinderwerkstatt Horn über den Verkehr fachsimpelt. Das sei zu gefährlich. Denn alle zehn Minuten wird in Deutschland ein Kind angefahren. Täglich verlieren ein bis zwei kleine Menschen im Straßenverkehr ihr Leben. Europaweit hält die Bundesrepublik damit einen traurigen Rekord. Dabei ist keineswegs der Schulweg die gefährlichste Strecke. 85 Prozent der Kinder verunglücken in der Freizeit zwischen 16 und 18 Uhr, wenn sie nach den Hausaufgaben noch zum Toben ins Freie drängen - genau dann schleppt sich eine Karawane müder Autofahrer heimwärts.

Die Gefahr setzt Eltern unter Dauerstress. Längst sind Autos für die Gesundheit ihrer Kinder bedrohlicher geworden als Krankheiten. Sicher scheinen da nur noch die Innenräume. Wohnung, Kindergarten und Schule sind die Orte, an denen sich der Nachwuchs heutzutage am häufigsten aufhält. Kinderzimmer werden zu Erlebnisräumen ausgebaut. Im Extremfall kutschieren besorgte Mütter ihre Sprösslinge von einer sicheren Insel zur anderen: zum Turnen, zur Spielgruppe, zur Musikschule oder zu Verabredungen in den Wohnungen der Spielgefährten. Für Erfahrung an der frischen Luft bleiben nur Hof und Garten oder Spiel- und Sportplatz. Lediglich elf Prozent der vom VCD befragten Kinder wagen sich zum Spielen auf die Straße.

"Kinder werden heute fünf bis sechs Jahre später selbständig mobil als noch vor 30 Jahren", schätzt der Verkehrsexperte Heiner Monheim. Einfach auf die Straße gehen und Spielgefährten suchen - das sei in den sechziger Jahren noch normal gewesen. "Die damit verbundene Erfahrungswelt ist perdu", wettert Monheim. Er nennt die Einschränkungen durch den Straßenverkehr "permanente Freiheitsberaubung".

Aber auch das Inseldasein verlangt Mobilität. Knapp die Hälfte der vom VCD befragten Kinder geht zu Fuß zur Schule, ein Viertel nutzt öffentliche Verkehrsmittel, ein weiteres Fünftel fährt mit dem Rad. Spielplätze sind meistens nur über Straßen zu erreichen. Insgesamt geht der Verkehrsclub davon aus, dass 80 Prozent der Kinder nicht um den Straßenverkehr und Hauptverkehrsstraßen herumkommen. Dort, wo zwei Drittel alle tödlichen Unfälle passieren, leben schätzungsweise drei- bis viermal so viele Kinder wie in verkehrsberuhigten Nebenstraßen.

"Wir wollen den Verkehr nicht nur für Kinder, sondern mit Kindern sicherer machen", sagt Richard Schröder vom Verein "Pro Kids" in Herten. Er hat ein offenes Ohr für alle Verkehrsprobleme der Kleinen und trägt sie prompt in die Verkehrskommission der Stadt. Können die Ratsuchenden zum Beispiel eine Straße nur mit Mühe überqueren, dann wird vor Ort entschieden, wie ihnen geholfen werden kann. "Querungshilfen werden oft schnell eingerichtet, auf eine Ampel muss man Jahre warten", erklärt Schröder.

Es klingt trotzdem paradiesisch. Während andernorts Elterninitiativen jahrelang vergeblich um Verkehrsberuhigung kämpfen, ist sie in Herten längst Wirklichkeit geworden: Tempo 30 in allen Wohnbereichen, Rufpflasterungen, um Schleichwegfahrern die Abkürzung zu verleiden oder besondere Verkehrssicherheitsmaßnahmen vor Schulen. "Kleinere Städte haben es leichter", gibt der Kinderlobbyist zu, aber vom Himmel gefallen sei das alles nicht. Seit 20 Jahren bemüht sich die Stadt um kinderfreundliche Politik. Ausgerottet ist die Unfallgefahr allerdings auch in Herten nicht. Zwar verunglücken in Wohnbereichen kaum noch Kinder, wohl aber auf den Hauptstraßen. Dort muss der Verkehr nach wie vor fließen. Denn schließlich gibt es viermal so viele Autos wie Kinder.

Gerlinde Geffers